Zurück zu Birkenstock-Cramberg Die bissige Sahnetorte

Die bissige Sahnetorte

Es war an einem kalten, regnerischen Sonntagnachmittag im Januar des Jahres Neunzehnhundertfünfundneunzig. Es war ein Sonntag und Johanna Susanna Viktoria Wilhelmina, die neunjährige Tochter der Meiers, langweilte sich auf der Geburtstagsfeier ihrer Großtante Walpurga. Niemand wollte mit ihr spielen. Die anderen Kinder vergnügten sich mit einem Computerspiel und hatten ihren Spaß dabei, sich gegenseitig zu ärgern. Johanna fand das blöd. Sie wollte nicht geärgert werden, und deshalb hatte sie sich vorgenommen, die andern auch nicht zu ärgern.

Sie ging wieder in die Küche, aber da gab es auch nichts zu spielen. Vor lauter Langeweile fing sie an, mit den Fingern in der Sahnetorte zu stochern. Die Erwachsenen waren viel zu beschäftigt, um sie zu schimpfen.

Sie stellte sich vor, einen Tunnel unter dem Meer von Frankreich nach England zu bohren. Mit dem linken Zeigefinger war sie schon bis weit unter das Wasser vorgedrungen. Jetzt begann sie, mit der rechten Hand den Tunnel von der englischen Seite voranzutreiben. Kurz bevor sich die beiden Zeigefinger trafen, stieß sie auf einen Widerstand. Sie dachte, das wäre ein Stück Ananas, doch plötzlich begann der Gegenstand, sich zu bewegen. Und dann, das war doch nicht zu glauben, biss die Ananas Johanna in den Finger.

“Au!”, schrie Johanna und zog ihre Hände erschrocken aus der Torte. Sie tat das so schnell und ruckartig, dass die Sahne nach allen Seiten spritzte.

Sie schaute auf ihren Finger, an dem sich langsam ein kleiner roter Fleck zeigte. Johanna steckte den blutigen Finger in den Mund, bis der Schmerz nachließ. Dann untersuchte sie die bissige Torte. Vorsichtig näherte sie sich dem Sahneberg, als plötzlich aus dessen Mitte - wie bei einem Vulkan - Sahne und Ananasstücke nach oben geschleudert wurden. Johanna zuckte zurück, und dann erschien mitten in den Kuchentrümmern ein kleines, blaues Gesicht. Es sah aus wie ein Hundekopf, nur ohne Haare. Der Kopf schüttelte sich und ein Brocken Sahne landete direkt auf Johannas Nase.

”Du dumme Kuh!”, schimpfte der Kopf, ”warum störst du meinen Mittagsschlaf?”

Johanna war sauer. Sie hasste Sahne auf der Nase und außerdem war sie keine Kuh, das sah doch ein Blinder mit Krückstock.

”Selber Kuh”, sagte sie und fügte hinzu: ”Was hast du überhaupt in meinem Tunnel zu suchen? Wenn meine Tante dich sieht, kannst du was erleben.”

”Wieso ich? Du kannst was erleben. Deine Tante kann mich nämlich gar nicht sehen. Ich bin unsichtbar. Und außerdem bin ich ein Drache und keine Kuh.”

Bei diesen Worten zwängte er sich aus den Sahneresten und begann sich sauber zu lecken.

”Und wieso kann ich dich sehen, wenn du so unsichtbar bist? Ich glaube dir kein Wort!”, brummte Johanna, nun nicht mehr ganz so wütend. Es sah doch recht drollig aus, wie der kleine, blaue Drache, der kaum größer war als ein Apfel, sich mit seiner langen, rosa Zunge den Rücken ableckte.

”Du kannst mich deshalb sehen ...”, schmatzte der Drache, ”... weil du ein Kind bist. Kinder können viel mehr sehen als die Erwachsenen, weil sie mehr Zeit haben. Bei den Großen muss immer alles schnell gehen und sie sind so oberflächlich, dass sie mich glatt übersehen. Und hören mögen die Erwachsenen nur das, was sie wollen, und was sie nicht wollen, das ist für sie auch nicht da. Ich heiße übrigens Drachula, Dietmar Dagobert von Drachula der Letzte. Meine Freunde nennen mich Dagobert.”

”Ich heiße Johanna”, sagte diese, nun schon wieder ganz fröhlich. ”Aber wieso heißt du 'der Letzte'?”

Der kleine Drache schaute Johanna ein wenig traurig an und sagte dann mit einem großen Seufzer:

”Weil ich der letzte Drache aus meiner Familie bin und es nach mir wohl keinen weiteren Drachen geben wird.”

Bei diesen Worten kullerten Dagobert ein paar Tränen die Wangen herunter. Erstaunt sah Johanna, dass der kleine Drache blaue Tränen weinte. ”Seit siebenhundertachtundneunzig Jahren und dreihundertvierundsechzig Tagen bin ich schon auf der Suche nach einer Drachendame.”, fuhr der Drache fort. ”Ich habe schon jede Sahnetorte auf der ganzen Weit durchsucht, aber noch nie habe ich auch nur die Spur eines kleinen, liebevollen Drachenmädchens gefunden.”

Bei den letzten Worten des Drachens musste Johanna unwillkürlich lachen, denn sie stellte sich die erstaunten Gesichter der Erwachsenen vor, wenn sie die vom Drachen durchsuchten Sahnetorten entdeckten.

”Warum suchst du denn ausgerechnet in Sahnetorten?”, fragte sie.

“Einmal, ich glaube es ist jetzt an die dreihundert Jahre her, habe ich in einem Drachenhoroskop gelesen, dass ich mein großes Glück in einer Sahnetorte finden werde.”

Er dachte eine Weile nach, dann fuhr er ein wenig grüblerisch fort: ”Aber vielleicht habe ich mein großes Glück ja gefunden. Schließlich warst du ja in der Torte. Bist du vielleicht ein verzauberter Drache? Ein bisschen blass bist du um die Nase, aber wenn ich dich gut pflege, wirst du bestimmt wieder schön blau. Oder muss ich dir vielleicht einen Kuss geben, damit du deine eklige Gestalt verlierst?”

Plötzlich bekam er kleine Drache ganz große Augen. Mit einem leisen ”oh - oh ...” hüpfte er auf Johannas Hand und verschwand in ihrem Ärmel.

“He, was soll das?” fragte Johanna, als sie eine strenge Stimme hinter sich vernahm.

Das möchte ich auch mal gerne wissen!”, schimpfte ihre Tante, ”Ich glaube, du hast nicht mehr alle Tassen im Schrank. Du hast die ganze Ananassahne versaut. Wenn ich das deiner Mutter erzähle, kannst du was erleben! Mach, dass du hier raus kommst!”

Das ließ sich Johanna nicht zweimal sagen und lief so schnell es ging aus der Küche hinaus.

“Und wasch dir die Hände, bevor du etwas anfasst!” rief ihr die Tante hinterher.

Obwohl Johanna Händewaschen hasste, ging sie diesmal sofort ins Bad und schloss die Tür hinter sich.

”Du kannst wieder rauskommen”, flüsterte sie leise, und als der kleine Drache vorsichtig zum Vorschein kam, lachte sie ihn an und versprach:

“Ich bin zwar kein Drache, aber ich werde dir helfen, eine Frau zu finden, und wenn wir bis zum Südpol müssen.”

BuiltWithNOF
weiter lesen
[Kinderbuch] [Inhalt] [Die bissige Sahnetorte] [Von Monstern und Drachen] [Oma ist super] [Papa ist da!] [Der große Sturm] [Reif für die Insel?] [Der Herr der Sinne] [Die Pyramide von Ephandrea] [In der Höhle des Löwen] [Wo ist denn hier der Ausgang?] [Wieder in Freiheit] [Good morning Amerika] [Auf dem Rummel geht's rund] [Im Land der Indianer] [Zurück in der  Zivilisation] [Die Überraschung] [Download] [Impressum]