Zurück zu Birkenstock-Cramberg Wo ist denn hier der Ausgang?

Wo ist denn hier der Ausgang?

„Puh“, stöhnte Johanna, als die Räuber endlich die Halle verlassen hatten. Auf ihrer Stim standen Schweißperlen, so sehr hatte sie sich geängstigt Erleichtert lächelte sie Daskalos an und dann drückte sie erst einmal Dagobert an sich, schließlich hatte er sie jetzt schon zum zweitenmal aus höchster Not befreit.

„Aber wie kommen wir jetzt hier heraus? Die Gangster versperren doch sicherlich den Ausgang“, fragte Johanna.

Daskalos beruhigte sie. „Soweit ich gehört habe, sind sie den falschen Gang entlang gelaufen. Ich glaube, wir können ohne Gefahr nach draußen kommen“.

„Woher weißt Du das alles so genau?“ wollte Johanna wissen.

„Das ist eine lange Geschichte. Ich werde sie dir erzählen, während wir gehen“, sagte Daskalos und reichte Johanna seinen Arm, damit sie ihn führen konnte. Nachdem sie ein paar hundert Meter vorsichtig durch die Gänge geschlichen waren, konnten sie sicher sein, daß keine Räuber mehr in der Nähe waren, und so begann Daskalos zu erzählen. „Als ich damals in diese Gegend kam, hat mich die Höhle hier sofort angezogen. Sie hat so eine starke Ausstrahlung. Also habe ich mir eines Tages meinen Rucksack vollgepackt und bin hier hinein gegangen. Für einen Blinden wie mich ist das kein großes Problem. Da ich nichts mehr sehe, kann mich ein dunkler Tunnel überhaupt nicht irritieren. Meine Ohren und meine Nase, vor allem aber mein Tastsinn hat sich so verbessert, dass ich die einzelnen Gänge am Geruch oder an den Geräuschen, die unsere Schuhe verursachen, unterscheiden kann. So fällt es mir ganz leicht den richtigen Weg zu finden. Hier müssen wir jetzt übrigens rechts entlang“.

Er dirigierte Johanna in die richtige Richtung. Johanna schaute ihn nachdenklich an. Auf jeden Fall schaute sie in die Richtung, wo sie Daskalos vermutete. Im Gang war es nämlich stockfinster, weil sie keine Lampen dabei hatten. Trotzdem hatte Johanna keine Angst. Superman hätte das bestimmt auch nicht besser machen können als Daskalos.

„Wohin sind die Gangster denn gelaufen?“ wollte Dagobert auf einmal wissen.

„Nun“, schmunzelte Daskalos, „das kann man nicht so genau sagen. Die Höhle hat viele Irrgänge und es kann sein, dass sie stundenlang nur im Kreis laufen. Vielleicht treffen sie aber auch den Minotaurus“.

„Den Minotaurus?“ fragte Johanna erschreckt. Sie konnte sich an die griechischen Sagen erinnern, die ihr Papa einmal vorgelesen hatte. Der Minotaurus war ein Ungeheuer, halb Stier, halb Mensch, das schöne Jungfrauen fraß. Daskalos, der Johannas Schrecken bemerkt hatte, streichelte ihr den Arm.

„Ja, der Minotaurus. Aber hab keine Angst. Ich habe ihn schon oft getroffen. Er lebt ganz allein in dieser Höhle und ist schrecklich einsam. Alle haben Angst vor ihm und wenn ihn jemand sieht, gibt es gleich ein großes Geschrei. Dann kommen die Menschen mit Gewehren und was sie sonst noch an Waffen finden können, um ihn zu töten. Dabei ist der Minotaurus ein Vegetarier. Er frißt nur Gras und Pflanzen. Ab dem Bauch ist er schließlich ein Stier, und wer hat schon einmal einen Stier oder eine Kuh Jungfrauen fressen sehen? Aber so ist das nun einmal in dieser Welt“, seufzte Daskalos, „die Menschen suchen immer einen Schuldigen für alles was passiert, und was liegt da näher als jemanden zu beschuldigen, der anders ist als sie selbst?“

„Ja“, erwiderte Johanna, „als bei uns in der Klasse einmal ein Junge sein Geld vermißt hat, da hat er gleich den Yussuf beschuldigt. Er hat gesagt, das sei typisch für diese Ausländer. Am Ende kam dann raus, daß er sich beim Hausmeister etwas gekauft und dann das Wechselgeld vergessen hatte. Er hat sich noch nicht einmal bei Yussuf entschuldigt“.

Eine Welle gingen sie alle drei schweigend nebeneinander her, darüber nachdenkend, wie unfreundlich Menschen miteinander umgehen können. Schließlich ergriff Daskalos wieder das Wort.

„Um die Geschichte mit dem Minotaurus noch zu Ende zu bringen: Er traut sich also nur Nachts und auch nur zu Jahreszeiten aus der Höhle, wenn wenig Menschen unterwegs sind. Und wenn er dann mal zu mir kam, dann haben wir stundenlang erzählt, das heißt, ich habe erzählt und der Minotaurus hat zugehört. Er ist ja so neugierig.“

Johanna zupfte Daskalos am Arm. Es war heller geworden im Gang, also mußten sie in der Nähe des Ausgangs sein. Sie wurden langsamer um festzustellen, was sie am Eingang der Höhle erwartete.

 

„Wir haben uns verlaufen“. Die jämmerliche Stimme des Wächters hallte von den Wänden der Höhle zurück.

„Schnauze!“, brüllte ihn Granowski an, aber so ganz sicher schien er sich seiner Sache auch nicht zu sein, als er hinzufügte: „Nur noch den Gang dort links entlang, dann sind wir draußen“. Die einzige Taschenlampe, die noch Licht spendete wurde immer dunkler. Es konnte nicht mehr lange dauern und auch sie würde verlöschen. Ängstlich und ungeschickt stolperten die Räuber durch die Gänge. Zwischen vereinzelten „Autsch“ und „Aua“ war immer wieder das Fluchen Granowskis zu hören.

Schließlich gab auch die letzte Taschenlampe ihren Geist auf Zu ihrer Überraschung wurde es aber nicht dunkler. Einige hundert Meter entfernt war Licht erkennbar. Triumphierend hob Granowski den Kopf und ging der Gruppe voran auf das Licht zu. Was sie jedoch für den Ausgang gehalten hatten, war eine geräumige, hell erleuchtete und warme Höhle.

„Guten Abend, meine Herren“, sagte der Minotaurus.

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