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Wieder in Freiheit
Johanna hatte zwar nur durchschnittliche Ohren, aber auch sie konnte deutlich das Schnarchen des Wächters am Ausgang der Höhle hören. Vorsichtig schlichen sie hinaus und sahen sich um. Menschen waren sonst keine zu sehen, nur drei Autos standen verlassen auf dem Parkplatz vor der Höhle. Daskalos bat Johanna, nach ein paar Fesseln zu suchen, und es dauerte auch nicht lange, und sie kam mit einem langen Seil zurück. Bevor der „Wächter“ seine Augen aufmachen konnte, lag er gefesselt auf dem Boden.
„Kannst du Auto fahren?“ fragte Daskalos.
„Klar“, sagte Dagobert.
„Nein“, sagte Johanna.
Daskalos und Johanna sahen Dagobert entgeistert an.
„Ihr glaubt mir wohl nicht? Ich habe die Fahrschule besucht. Ich weiß genau wie das geht. Im Prinzip jedenfalls. Man muss nur...“
Johanna unterbrach ihn. „Du warst in einer Fahrschule?“ fragte sie zweifelnd.
„Nun ja, ich habe eine Zeit lang dort gewohnt und die Bücher gefressen.“
„Gelesen, meinst du“, korrigierte ihn Johanna.
„Nein, ich bin zwar alt, aber Alzheimer habe ich noch nicht. Ich habe sie gefressen. Ich liebe Bücher. Sie schmecken ausgezeichnet. Besonders die mit den vielen Bildern.“
Johanna winkte ab. Einem Fahrer, der nur aus Büchern wusste, wie man fährt, und der selbst auf dem Lenkrad sitzend kaum aus dem Fenster gucken konnte, wollte sie sich nicht anvertrauen.
„Wir müssen wohl doch zu Fuß laufen“, sagte sie zu Daskalos, „aber wenn die Gangster wieder herauskommen können sie uns mit den Autos gleich wieder einholen.“
Doch da meldete sich Dagobert wieder zu Wort. Er war zwar ein bisschen beleidigt, weil Johanna kein Vertrauen in seine Fahrkünste hatte, aber vielleicht konnte er ja jetzt etwas gut machen. „In den Büchern stand auch viel über die Autotechnik. Ich weiß genau, wie wir die Autos lahm legen können. Wir müssen nur ein paar Kabel an der Elektronik raus reißen“.
Johanna und Daskalos fanden das eine gute Idee und so gingen sie gleich an die Umsetzung. Zum Glück waren die Autos nicht abgeschlossen. Johanna öffnete die Motorhaube des ersten Fahrzeugs und Dagobert machte sich gleich an die Arbeit.
„Aha, ich sehe schon ... das blaue Kabel da vorne muss es sein“. Mit einem Ruck riss Dagobert das Kabel ab. Das musste weh getan haben, denn das Auto fing jämmerlich an zu hupen. Vor Schreck spie Dagobert ein bisschen Feuer, gerade so viel, dass die Benzinleitung schmolz und damit das in ihr fließende Benzin zur Entzündung freigab.
„In Deckung“, schrie Johanna keine Sekunde zu früh, denn jetzt erfreute das Auto ihre Bemühungen mit einem herrlichen Feuerwerk. Mit einem lauten Knall verabschiedete es sich von dieser Welt und hinterließ den staunenden Beobachtern und Zuhörern einen schwarzen Klumpen Blech zur Erinnerung an dieses Ereignis.
Die anderen zwei Autos wollten bei dieser Veranstaltung natürlich nicht zurückstehen und beteiligten sich auf ihre Weise. Das eine, das dem explodierten am nächsten gestanden hatte, war durch die Wucht der Detonation in Bewegung geraten und rollte, zunächst gemächlich, dann aber immer schneller werdend, auf den nächst besten Abhang zu. Dort angekommen schaute es mit der Schnauze über den Rand des Abgrunds, wippte zum Abschied noch zwei, drei Mal mit dem Hinterteil und verschwand dann in Richtung des tiefer liegenden Tals. Wenige Sekunden später zeigten lautes Klirren und Scheppern seine Ankunft auf der unteren Ebene an. Die folgende Explosion war mindestens ebenso farbenfroh wie die erste und hätten jeder kleinen Ortschaft als Silvesterfeuerwerk zur Ehre gereicht.
Das dritte Auto war wohl etwas bescheidener als seine zwei Kollegen. Es begnügte sich mit einem vornehmen Zischen als die Reifen, von der Hitze der ersten Explosion geschmolzen, die Luft verloren. Auch das Klirren der Scheiben war eher zurückhaltend als eindrucksvoll, passte aber gut zu dieser vornehmen Limousine.
„So, das wäre erledigt.“, sagte Dagobert, „Was machen wir nun?“
Johanna schaute Dagobert ungläubig an und fragte sich, ob man so etwas wirklich in einer Fahrschule lernte.
Daskalos gewann als erster seine Fassung wieder.
„Wir müssen unbedingt meine Freunde finden“, sagte er. „Am besten wird es sein, wenn wir zu meiner Wohnung gehen, dann sehen wir weiter.“
„Ihr werdet nirgendwo hin gehen!“ ertönte da eine heisere Stimme aus dem Eingang der Höhle. Dort stand Granowski mit seinen Ganoven. Sie hatten sich offensichtlich schneller aus dem Labyrinth befreien können als erwartet. Möglicherweise hatte ihnen die Begegnung mit dem Minotaurus Flügel verliehen
„Ihr haltet euch wohl für besonders schlau“, schrie er, als er die Trümmer seiner Autos sah. „Habt geglaubt, ihr könntet mir entkommen? Das könnte euch so passen. Zur Hölle werdet ihr fahren! Ich werde euch eigenhändig die...“
Den Rest seiner Worte konnte Johanna nicht mehr verstehen. Sie wurden vom Heulen der Sirenen der etwa fünfzehn Polizeiautos verschluckt, die in diesem Moment vor der Höhle auftauchten. Heraus sprangen eine Menge schwer bewaffneter Polizisten. Die Räuber waren zu verblüfft, um sich zu wehren. Sie ergaben sich und wurden von den Polizisten in Handschellen abgeführt. Aus einem der Polizeiautos stieg ein Mann, der offensichtlich blind war. Daskalos ging auf ihn zu und umarmte ihn.
„Kiri, wie bin ich froh, dich zu sehen. Ich hatte schon befürchtet, dir sei etwas geschehen“.
Kiri erzählte, wie er sich und die anderen hatte befreien können, und wie sie die Polizei verständigen konnten.
„Als wir das Feuerwerk hier sahen, habe ich schon das Schlimmste befürchtet. Zum Glück ist dir nichts passiert. Aber wer ist denn deine hübsche Freundin da?“ fragte er zum Schluss und deutete auf Johanna.
Daskalos stellte Johanna und auch Dagobert vor und Johanna erzählte ihre lange Geschichte. Mittlerweile hatte sich auch der Kommissar, der die Polizisten leitete, zu ihnen gesellt. Als er Johannas Geschichte hörte, sagte er.
„Du bist also das Mädchen, das vom Schiff gefallen ist. Stand in allen Zeitungen, die Geschichte. Deine Eltern machen sich große Sorgen, aber sie haben die Hoffnung nie aufgegeben, dass du noch leben könntest. Ich nehme dich mit in die Stadt. Von dort aus können wir deine Eltern anrufen. Es gibt auch einen Flughafen dort und in drei oder vier Stunden kannst du dann in Amerika sein“.
Johanna verabschiedete sich ausgiebig von Daskalos und Kirikaidos. Sie versprach ihnen, einen Brief aus Amerika zu schreiben. Daskalos meinte, sie könne auch so Kontakt zu ihm aufnehmen. Sie müsse nur fest genug an ihn denken.
Als sie in das Polizeiauto stieg, um in die Stadt zu fahren, hatte sie Tränen in den Augen. Sie sah noch lange aus dem Heckfenster und winkte den beiden zu. Irgendwie hatte sie Daskalos in ihr Herz geschlossen. Ja, er war in der kurzen Zeit, in der sie sich kannten, fast so etwas wie ein zweiter Vater für sie geworden.
„Wenn ich größer bin, will ich ihn wieder besuchen“, dachte sie, bevor sie vor Müdigkeit in ihrem Sitz einschlief. Das Schaukeln des Autos auf der holprigen Piste ließ sie vom Schiff träumen. Sie dachten an den Delphin, an den Strand und die Palmen.
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