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Johanna wußte damit nichts anzufangen. Sie ergab sich in ihr Schicksal und dachte daran, was sie einmal gelesen hatte: „Lerne allem mit Liebe zu begegnen, was du bekämpfst wird dir schaden“. Na gut, dachte Johanna, und schenkte ihren Eltern eine große Portion Liebe. Sie hatten sicher genau soviel Angst wie sie. Und auch John gab sie etwas von ihrer Liebe ab. Er machte sich sicher große Vorwürfe, daß er ihr erlaubt hatte, allein in den Ballon zu steigen. Nach und nach verflog Johannas Angst, und so begann sie, sich die Gegend ein wenig genauer anzusehen. Sie nahm Dagobert in den Arm und gab ihm einen Kuß. Dagobert schaute sie ein wenig schuldbewußt an, war aber froh, daß Johanna ihm nicht mehr böse war. Weit unter den beiden zogen große, grüne Weiden vorbei. Hin und wieder war ein Haus zu sehen. Menschen sahen sie keine, aber auf einer Lichtung eines Waldstücks entdeckten sie ein paar Rehe, die friedlich grasten.
„Ich verstehe nicht, wo der Ballon bleibt“, murmelte John. Er war sichtlich beunruhigt und lief ständig auf und ab. Johannas Papa hatte die Krawatte auf Halbmast baumeln und saß enttäuscht auf einem Baumstamm. Johannas Mutter stand neben ihm und streichelte ihm beruhigend den Kopf.
„Irgend etwas ist schief gegangen“, stöhnte John, „vielleicht hat sie an dem Computer gespielt. Aber das ist kein Grund zur Sorge. Das Programm hat eine besondere Sicherung. Es wird den Ballon auf jeden Fall ganz sanft landen, bevor das Gas aus ist. Wir müssen uns mit der Luftaufsicht in Verbindung setzen, die können den Ballon auf ihrem Radar orten“.
Sie gingen zum Auto und stiegen ein.
„Haben Sie zufällig den Autoschlüssel?“ fragte John, ein wenig verlegen.
Johannas Papa bekam einen roten Kopf und Mama mußte ihn besonders viel streicheln, damit er John nicht in einem Anfall von Wut in den Hintern trat.
Oben in der Luft war Johanna inzwischen müde geworden. Sie hatte jetzt schon zwei Stunden in der Gegend herum geschaut und auf die Dauer wurde es ihr ein wenig langweilig. Also setzte sie sich in den Korb, nahm sich eine Decke, die John zum Glück eingepackt hatte, kuschelte sich hinein und schloß die Augen. Nach wenigen Minuten war sie fest eingeschlafen. Sie träumte von der Schule. Sie hatte gerade eine Klassenarbeit geschrieben und wollte sie abgeben, als plötzlich ein kleiner blauer Drache das ganze Heft mit einem Feuerstoß in ein Tischfeuerwerk verwandelte.
Viele Meilen entfernt liefen drei Menschen auf einer einsamen Landstraße in Richtung auf die nächste Stadt zu. Einer ging vorneweg und redete immerzu, zwei weitere folgten ein paar Schritte dahinter. Der eine von den beiden, der Mann, war immer noch sichtlich sauer.
„So glauben Sie mir doch, Ihrer Tochter wird nichts passieren. Mein Ehrenwort darauf. Wenn ihr doch etwas passiert dann können Sie mich,... können Sie mich, äh ...“ John verstummte, denn ihm wurde klar, daß das keine geeignete Beruhigung seien konnte.
In diesem Moment hörten sie hinter sich ein dumpfes Hupen und kurze Zeit später hielt ein großer Lastwagen neben ihnen an.
„Hallo, ihr drei. Probleme gehabt? Ich bin Ringo, kann ich euch helfen?“
John erzählte ihm die ganze Geschichte und Ringo reichte ihm sofort das Funkgerät, um die Flugaufsicht anzurufen. Doch bei der Flugaufsicht glaubte man ihnen kein Wort. Die hielten das ganze für einen dummen Streich. Ein wild gewordener Heißluftballon, da lachen ja die Hühner.
„Was machen wir nun?“ fragte Johannas Mutter ein wenig mutlos.
„Wir fahren mit Ringo in die nächste Stadt. Dort mieten wir ein Auto und dann versuchen wir heraus zu bekommen, wohin der Wind den Ballon getrieben haben kann“, antwortete John.
Damit waren alle einverstanden und so stiegen die drei in den Lastwagen. Als sie im nächsten Ort ankamen, wurde es bereits dunkel. Die Tankstelle war jedoch geöffnet, und so konnten sie wenigstens ein Auto mieten. John versuchte, einen Freund bei einer Wetterstation zu erreichen, doch der wurde erst für den nächsten Morgen zurück erwartet.
„Tut mir leid“, sagte John, „aber es scheint so, als müßten wir hier erst einmal übernachten. Wenn mein Freund morgen früh wieder erreichbar ist, lasse ich mir alle Daten über die Windrichtungen geben. Dann werden wir dem Ballon schon auf die Spur kommen.“ Er hatte Angst zu sagen, daß er besonders große Gasflaschen an Bord hatte. Bis morgen konnte der Ballon eine beträchtliche Strecke zurücklegen. Aber er wollte Johannas Eltern nicht noch mehr beunruhigen. So nahmen sich die drei zwei Hotelzimmer und versuchten einzuschlafen, eine schwierige Aufgabe, wenn man Sorgen hat.
Lautes Heulen einer Alarmsirene weckte Johanna mitten in der Nacht. Die Anzeige des Computers blinkte rot. GAS GEHT ZU ENDE NOTLANDUNG EINGELEITET, stand zu lesen. Johanna schaute ängstlich über den Rand des Korbes. Unter ihr war nichts als ein dichter Wald zu sehen. Die Baumwipfel kamen immer näher. Zu dumm, daß der Computer nicht zwischen den Spitzen der Bäume und einem festen Boden unterscheiden konnte.
Dann ging alles sehr schnell. Der Korb blieb an den Bäumen hängen, Johanna und Dagobert wurden hinaus geschüttelt und fielen auf den weit unten liegenden Boden. Es reichte nicht ganz, um noch ein Gebet zu sprechen. Johanna schlug auf dem Boden auf und dann wurde es dunkel um sie.
Irgendwo in einem fernen Land schreckte ein blinder Mann bei seinem Mittagessen auf Etwas Schlimmes war passiert. Eine Freundin brauchte Hilfe. Sofort schickte Daskalos ein paar gute Gedanken auf die Reise und betete um Schutz für Johanna.
Nicht ganz soweit entfernt wurde auch Johannas Mutter aus ihren unruhigen Träumen gerissen. Auch sie spürte, daß etwas nicht in Ordnung war. Aber da sie im Moment nichts ausrichten konnte, versuchte sie, weiter zu schlafen.
Als Johanna ihre Augen wieder aufschlug, blickte sie in das gebräunte Gesicht eines Jungen. Er hielt ein warmes, feuchtes Tuch in der Hand, das er dann vorsichtig auf Johannas Kopf legte.
„Au“, stöhnte Johanna. Doch nicht nur ihr Kopf tat weh. Ihr ganzer Körper schien in kleine Stücke gebrochen zu sein.
„Nicht bewegen“, sagte eine freundliche Stimme. Sie war zu alt, um von dem Jungen zu stammen. Vorsichtig drehte Johanna ihren Kopf und sah einen alten Mann. Auch er war sonnengebräunt, trug ein reich verziertes Kostüm und einen Federschmuck.
„Ich bin Weise Eule, der Medizinmann dieses Stammes. Helles Auge, mein Enkel, hat dich im Wald gefunden und hierher gebracht. Du hast wirklich viel Glück gehabt und Manitus Schutz, sonst wärst du nicht mehr am Leben“.
Johanna schloß die Augen wieder. Sie hatte das Gefühl, in Sicherheit zu sein. Eine warme Flüssigkeit wurde ihr eingetrichtert. Sie spürte, wie die Wärme ihren Hals hinab und in den Magen lief und dann in den ganzen Körper ausstrahlte. Sie entspannte sich.
„Sie schläft“, sagte Weise Eule und schaute dabei Helles Auge an. „Gib gut auf sie acht, mein Sohn. Sie braucht viel Pflege. Gib ihr alle zwei Stunden von der Medizin. Wenn etwas besonderes passiert, dann sag mir Bescheid“.
Helles Auge nickte. Dann setze er sich hinter Johanna und strich ihr sanft die Stim. Er tauchte den Verband noch einmal in die wohlriechende Flüssigkeit und wickelte ihn sorgfältig um Johannas Kopf. Schließlich, als er sicher war, Johanna gut versorgt zu haben, setzte er sich im Lotossitz neben sie und hielt ihr die Hand. „Guck nicht so eifersüchtig“, mahnte er Dagobert, „dir ist ja nichts passiert, aber deine Freundin braucht jetzt unsere Hilfe“.
Dagobert seufzte. Wann würde er wohl einmal einer kleinen Drachendame so die Pfote halten können? Aber dann setzte er sich auf die andere Seite und hielt Johannas andere Hand. Um genau zu sein: Er setzt sich in Johannas Hand, schließlich war er etwas zu klein, um eine Menschenhand zu halten.
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