|
Zurück in der Zivilisation
„Wie geht es ihr?“ fragte die hässliche Hexe mit hinterhältig freundlicher Stimme die kleine Gretel und deutete dabei auf Hänsel, der in einem hölzernen Käfig über einem See aus Eiscreme saß.
„Es geht ihr schon viel besser. Sie hat lange geschlafen, aber ich denke, sie wird bald zu sich kommen“, antwortete Gretel mit tiefer, wohltönender Männerstimme.
Irgend etwas war hier falsch. Johanna kannte die Frauenstimme. Sie gehörte ihrer Mutter und nicht zu einer Hexe. Die Farben des Traums verblassten und Johanna würde wohl nie erfahren, ob Gretel ihren Hänsel vor dem Tod im Eiscreme-See retten konnte oder nicht.
Johanna schlug die Augen auf und sah sich einem Ring von Gesichtern gegenüber. Es war fast wie im Zoo. Links das besorgte Gesicht ihrer Mutter. Daneben, wie immer etwas unruhig, ihr Vater. Das weise Gesicht des alten Mannes und die strahlenden Augen des Jungen hatte sie schon gesehen, aber an die Namen der beiden könnte sie sich nicht erinnern. Ein weiterer Kopf vervollständigte den Kreis. Er war ziemlich rund, ein wenig fett, mit Schweißperlen bedeckt und gehörte John, der sichtlich erleichtert war, als Johanna ihn anblickte.
„Mammmmpf“ sagte Johanna, denn beim zweiten 'a' von Mama fiel ihr Dagobert in den Mund. Er war auf Johns spärlich behaarten Kopf geklettert, um besser sehen zu können. Durch die Schweißtropfen war der Glatzkopf aber zu einem Glattkopf geworden, so dass Dagobert ausrutschte und abstürzte.
„Ganz ruhig, mein Schatz“, meinte ihre Mutter, die Dagoberts Missgeschick natürlich nicht sehen konnte. Dagobert kletterte wieder aus Johannas Mund und rümpfte die Nase:
„Puh, du solltest dir mal die Zähne putzen und...“, nörgelte er dann.
Johanna erhob sich ein wenig und unterbrach damit Dagobert, der durch diese Erschütterung alle Pfoten voll zu tun hatte, um nicht noch weiter abzustürzen.
„Mama, Papa, wie schön euch zu sehen“. Johanna drückte ihre Eltern an sich. Dann gab es die übliche Begrüßungszeremonie mit Küsschen und so weiter, und so weiter.
Am Abend gab es ein großes Festmahl mit gebackenen Maisfladen, Salaten und frischem Lachs. Zum Nachtisch stand eine große Schale mit Beeren auf dem Tisch. Nach dem Essen führten die Indianer noch ein paar ihrer alten Tänze auf.
Johanna blieb nicht bis zum Ende der Feier. Sie war noch zu schwach und ging deshalb früher zu Bett. Auch auf der Rückfahrt nach New York, die sie am nächsten Morgen antraten, schlief sie die meiste Zeit. Dagobert saß auf der Hutablage und schaute traurig in die Landschaft. Wie riesig dieses Land war. Wie sollte er hier jemals eine Drachenfreundin finden? Und dann gab es noch so viele Länder, in denen er nicht gewesen war. Und was, wenn es überhaupt keine Drachen mehr gab außer ihm? Kleine, blaue Tränen liefen ihm die Wangen hinunter, so wie damals, als er Johanna kennen gelernt hatte.
Als er an Johanna dachte, wurde er noch trauriger. Nichts als Unglück hatte er ihr gebracht. Zweimal wäre sie seinetwegen beinahe gestorben. Überall wo er auftauchte gab es Ärger. Dagobert seufzte. Wenn sie zurück in New York waren, würden sie sich trennen müssen. Johanna musste wieder in die Schule und er wollte nicht, dass sie dort auch noch wegen ihm Probleme bekam.
„Warum muss mir immer alles schief gehen? Warum mache ich immer alles falsch?“ schluchzte er. Aber es war niemand da, der ihm eine Antwort geben konnte. Während Dagobert sich selbst bedauerte, planten Johannas Eltern schon die Heimkehr nach New York. „Hoffentlich geht es der Kleinen besser, wenn wir daheim sind. Es ist wirklich zu schade, dass sie von der wunderbaren Feier bei den Indianern nichts mitbekommen hat.“, meinte ihr Vater.
„Ja, ich denke, dass wir zu Hause noch ein klein wenig feiern sollten“, antwortete die Mutter. „Sieh doch mal die kleine Bäckerei dort an der Straße. Bitte halt doch mal an, wir nehmen eine Torte mit“, drängte sie dann. Sie hielten vor der Bäckerei an und gingen hinein. Johanna schlief noch und Dagobert war zu vertieft in seine Trauer, um sich für einen Auftritt in der Bäckerei zu interessieren.
„Guten Tag“, sagte Johannas Mutter, „haben sie eine schöne Torte, so etwas wie eine Geburtstagstorte?“
„Sie haben Glück", sagte der Bäcker, „gerade heute morgen habe ich eine Hochzeitstorte gebacken. Leider wurde sie nicht abgeholt. Die Braut hat sich wohl nicht getraut. Wenn wir sie etwas anders dekorieren, können wir eine Geburtstagstorte daraus machen. Einen kleinen Moment bitte, ich werde meiner Kollegin Bescheid sagen.“ Er ging ins Nebenzimmer und rief nach jemanden, kam aber gleich darauf wieder zurück.
„Na so was“, meinte er, jetzt ist meine Kollegin ausgerückt. Ist ja auch verständlich. In diesem Kaff hier ist einfach nichts los. Jetzt werde ich die Torte wohl selbst ändern müssen. Es wird etwa fünfzehn Minuten dauern, wenn sie solange Platz nehmen möchten.“
Er verließ das Zimmer wieder und machte sich mit leisem Pfeifen an seine Arbeit. Als er nach einer Viertelstunde wieder in den Verkaufsraum kam, brachte er die schönste Torte mit sich, die Johannas Eltern je gesehen hatten. Vier Schichten hoch, mit viel Sahne, Marzipan und farbigen Zuckerblumen. Dann verpackte der Bäcker die Torte, die Eltern bezahlten, und sie setzten die Reise nach New York fort.
|