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Von Monstern und Drachen
Johanna ging langsam und vorsichtig die langen, dunklen Korridore des alten Schlosses entlang. Nur wenige, schon halb heruntergebrannte Kerzen tauchten die Gänge in ein gespenstisches Halbdunkel. Es war unheimlich hier. Von den uralten Ölgemälden starrten sie die strengen Gesichter von Männern in Uniform und Frauen in altmodischen Kleidern an. Es schien, als würden sie die Augen auf den Bildern bei jedem Schritt beobachten. Ein kalter Schauer jagte Johanna den Rücken hinunter. Wo war sie hier? Was wollte sie hier?
„Ist hier jemand?“ rief sie ängstlich.
„emand ... mand ... and“, antwortete eine leise Stimme.
Johanna zuckte zusammen, doch dann begriff sie, dass es nur ihr eigenes Echo gewesen war. Erleichtert atmete sie auf. Aber da! War da nicht so ein leises Zischen hinter ihr? Die Haare an Johannas Armen begannen sich aufzurichten und sie bekam eine Gänsehaut. Doch, ganz sicher, da war etwas. Etwas großes, gefährliches. Johanna wagte nicht, sich umzuschauen. Sie lief los. Sie wusste nicht wohin, nur weg wollte sie. Sie rannte den Gang entlang, rutschte das Geländer der großen Treppe zum Erdgeschoss hinunter und durchquerte die große Halle in Richtung Haustür. Doch die Tür, die mindestens doppelt so hoch und breit war wie die daheim, war verschlossen.
Sie spürte, wie ihr Verfolger langsam näher kam. Wohin sollte sie gehen? Sie schaute sich um, sah die Kellertür und mit einem Sprung war sie dort, riss sie auf und schlüpfte hindurch.
Hier im Keller war es noch dunkler und es roch modrig nach fauligem Wasser. Sie rannte so schnell sie konnte, aber das grauenhafte Etwas hinter ihr war genauso schnell. Sie bog um die Ecke des endlos erscheinenden Ganges — und war in einer Sackgasse.
„Jetzt ist es aus“, dachte sie. Was sollte sie tun? Sie spürte, wie das Wesen hinter ihr näher kam. Gleich würde es sie erreicht haben. Sie fühlte trockene, kalte Hände auf ihrer Haut.
Plötzlich sah sie den Hebel an der Wand. Ohne zu wissen, was sie tat, zog sie an dem Hebel. Unter ihr tat sich der Boden auf.
„Eine Falltür“, dachte Johanna und schrie auf, denn unter ihr war kein Boden zu sehen. Es folgte ein endloser Sturz, der mit einem harten Aufschlag endete.
Johanna saß neben ihrem Bett und rieb sich die Augen.
„Gott sei Dank, nur ein Traum“, dachte sie. Doch plötzlich spürte sie wieder dieses Kribbeln am Arm. Johanna quiekte vor Schreck.
„Das Monster“, schrie sie, als aus dem Ärmel ein kleiner blauer Kopf zum Vorschein kam.
„Ach du bist es. Was um Himmelswillen machst du denn in meinem Ärmel? Du hast mich ja fast zu Tode erschreckt“, sagte Johanna stocksauer.
Dagobert trat verlegen von einem Bein auf das andere.
„Ich... ich habe mich, hmmm, gefürch... – gelangweilt, weißt du“, stotterte der Drache.
„Wenn das so ist, dann langweile dich bitte woanders. Ich brauche die Nacht zum Schlafen“, brummte Johanna, legte sich wieder ins Bett und drehte dem Drachen den Rücken zu. So eine Unverschämtheit, sie aus lauter Langeweile mitten in der Nacht zu wecken!
„Darf ich nicht bei dir bleiben?“, fragte Dagobert verlegen.
„Wieso denn?“ wollte Johanna wissen, „such dir doch eine Sahnetorte zum übernachten. Oder hast du etwa Angst im Dunklen?“
Der Drache wurde ein wenig lila im Gesicht – er schämte sich offensichtlich.
„Weißt du“, stammelte er, „eigentlich habe ich ja keine Angst, aber ...“
„Was aber?“
Irgend etwas stimmte hier nicht und Johanna hatte das Gefühl, dass es besser wäre Bescheid zu wissen, bevor Mutti am nächsten Morgen aufstand.
„Es ist so ...“, wand sich der kleine blaue Drache, doch Johannas ärgerlicher Gesichtsausdruck zeigte ihm, dass er sich besser etwas beeilen sollte.
„Ja, weißt du, ...“, begann er wieder.
„... ich war in dem Bastelraum, in dem deine Mutter gestern Abend den Kuchen gebastelt hat.“
„Du warst in der Küche?“
Johanna schwante nichts Gutes.
„Ich wollte doch nur mal kurz in die Erdbeertorte schauen.“, murmelte der Drache.
„Aber da war ein Monster, das hat den Kuchen gefressen. Wenn es sein riesiges Maul aufmacht, dann leuchtet es ganz unheimlich in seinem Hals und dann kann man die schöne Torte darin sehen. Ich habe gesagt, es soll mir die Torte geben, aber es hat einfach nicht auf mich gehört. Dabei habe ich über eine Stunde mit ihm diskutiert. Es hat mich nur mit seinem kalten Atem angehaucht und ab und zu 'krrrr krrrr' gesagt. Irgendwann ist es mir dann zu dumm geworden und gerade als ich mir ein Stück vom Kuchen aus seinen Mund klauen wollte, hat es ganz laut angefangen, um Hilfe zu schreien. Ich habe mich so erschreckt, dass ich ganz schnell zu dir gelaufen bin. Glaubst du das Monster wollte mich fressen?“
Johanna grinste den kleinen Drachen an. „Kann schon sein“, sagte sie langsam, „wir können ja mal schauen. Wenn das Monster immer noch schreit, wird meine Mutter wach, und dann ist der Teufel los. Versteckt dich hinter mir, wir werden das Monster schon beruhigen.“
Ohne das Licht einzuschalten ging Johanna, den Drachen auf der Schulter, hinaus in den Flur. Schon von hier aus konnte sie ein feines Piepsen hören. Um ihre Mutter nicht zu wecken, schlich Johanna leise und vorsichtig die Treppe hinunter in die Küche. Je näher sie dem Piepsen kamen, desto lauter wurde es, und desto mehr verkroch sich der tapfere Dagobert hinter Johannas Haaren. Man konnte ja nie wissen, was so ein Monster alles frisst. Jetzt standen sie vor der Küchentür.
Die Tür stand ein Stück offen, und durch den Spalt war ein blasser Lichtschein zu sehen. Johanna schlüpfte durch die geöffnete Tür in die Küche und stand Auge in Auge dem Monster gegenüber. Obwohl sie den kleinen Drachen nicht sehen konnte, spürte sie deutlich, wie er vor Angst zitterte. Mit einer schnellen Bewegung sprang Johanna vor und schloss die Tür des Monsters, Verzeihung, des Kühlschranks natürlich. Augenblicklich verstummte das Piepsen und nach einem kurzen Moment der Ruhe kam auch Dagobert wieder hervor.
„Wir sind die mutigsten Helden der ganzen Welt!“, sagte er, „Wir haben das grausige Küchenmonster besiegt!“
Johanna kicherte.
„Ja, und weil wir so mutig sind, werden wir jetzt dem furchtbar grausigen Kühlschrank – äh, Monster meine ich – die Torte stehlen. Mach dich auf einen schrecklichen Kampf gefasst!“
Theatralisch trat sie einen Schritt zurück, so als müsse man jeden Moment mit einem Angriff des Kühlschranks rechnen. Dann sprang sie wieder vor, riss die Kühlschranktür auf, griff die Tortenplatte und zerrte sie heraus.
Leider war sie etwas zu schwungvoll, so dass die Torte in hohem Bogen durch die Küche segelte und mit einem satten „Platsch“ auf dem Boden landete. Die Tortenplatte beteiligte sich an dem Spektakel mit einer dreifachen Drehung und einem Hüpfer auf dem Küchentisch, bevor sie, laut Applaus scheppernd, in der Ecke liegen blieb.
„Schade, keine Drachendame drinnen“, seufzte Dagobert, bevor er in Johannas Nachthemd verschwand. Denn gerade in diesem Moment ging in der Küche das Licht an und eine verschlafene Mutter schaute entsetzt auf die Bescherung.
„Bist du noch zu retten?“ schimpfte sie.
„Die Torte war doch für Omas Geburtstag. Was sollen wir ihr denn jetzt mitbringen? Was machst du überhaupt mitten in der Nacht in der Küche? Ach, mach, dass du ins Bett kommst, du Unglücksrabe. Darüber werden wir uns morgen noch ein wenig unterhalten!“
Johanna nickte schuldbewusst und trat umgehend den Rückzug an, sonst hätte es wohl auch noch mehr Ärger gegeben. Einschlafen konnte sie aber nach der Aufregung nicht gleich.
Nur Dagobert schien das alles kalt zu lassen: er schnarchte laut und träumte bestimmt von einem kleinen, blauen Drachenmädchen.
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