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Oma ist super
„Kommst du jetzt endlich?“
Das war die Mutter. Johanna schwitzte, denn ihre Mutter wartete jetzt schon zehn Minuten auf sie und war mächtig ungeduldig.
„Ja, ich komme gleich, ich muss nur noch schnell aufs Klo!“, rief Johanna.
Den ganzen Morgen suchte sie jetzt schon nach Dagobert, ihrem kleinen blauen Drachen. Es war zum Verzweifeln. Überall hatte sie schon nachgesehen. Sie hatte in der Speisekammer alle Taschen, Gläser, Dosen und Flaschen durchsucht. Sie hatte im Kühlschrank nachgesehen und auch in der Spülmaschine. Sogar im Keller war sie gewesen, um zu sehen, ob sich Dagobert vielleicht bei den Kartoffeln versteckte. Dabei ging sie nicht gerne allein in den Keller. Da war es immer so unheimlich. Ständig hatte sie das Gefühl, da müsste jemand sein, der nur darauf wartete, sie allein hier anzutreffen. Sie wusste, dass das nicht stimmte und nur von den blöden Geschichten und Drohungen kam, die die Erwachsenen verbreiteten.
Wie dem auch sei, Dagobert war nicht zu finden und sie konnte die Mutter nicht länger hinhalten. Die war nach der Geschichte in der letzten Nacht ohnehin nicht gut gelaunt. Wegen Johannas Missgeschick waren sie sehr früh am Morgen aufgestanden, schon um sechs Uhr. Sie mussten ja für Omas Geburtstag noch einen neuen Kuchen backen. Obwohl – was konnte sie schon dafür, dass Dagobert unbedingt in die Küche gehen musste? Und dass der Kuchen anschließend nicht mehr ganz brauchbar war, war doch eigentlich nur ein bisschen Pech gewesen, oder?
„Jetzt komm doch, Oma wartet bestimmt schon auf uns!“.
Johanna schüttelte die Gedanken an die letzte Nacht ab und kam wieder in die Gegenwart zurück. Sie betätigte die Spülung und rannte die Treppe hinunter. Schade, dann musste sie eben ohne Dagobert feiern.
Während der ganzen Fahrt mit dem Auto war Johanna sehr still. Dagobert fehlte ihr. Ohne ihn würde es bestimmt sehr langweilig werden. Sie freute sich auf Oma, die war prima, aber der Geburtstag heute war ein besonderer. Oma wurde 80 und das hieß, dass all die blöden Tanten und Onkel da waren, die „die kleine Johanna“ so niedlich fanden und immer Küsschen haben wollten. Und dann erst der dürre Conrad, ihr Cousin, der immer alles besser wusste. Johanna seufzte.
„Sei nicht so mürrisch.“, meinte die Mutter, „Man könnte ja meinen, wir fahren auf eine Beerdigung. Wenn Oma dich so sieht, denkt sie, du wärst krank“.
„Bin ich auch“, dachte Johanna, aber sie sagte lieber nichts.
Als sie endlich bei Oma ankamen, war es bereits halb vier. Die meisten Gäste waren schon da. Tante Sieglinde, Mamas Schwester, schaute sie kopfschüttelnd und vorwurfsvoll an und Conrad platzte natürlich heraus:
„Ja, ja, Tante Sabine und ihre kleine Hexe kommen mal wieder zu spät“.
Am liebsten hätte Johanna ihn an das Schienbein getreten, aber sie hatte gelernt, dass das nur weiteren Streit brachte. Sie bedachte Conrad mit einem mitleidigen Blick. Es war schon traurig, dass mit der Größe auch die Dummheit gewachsen war.
Zum Glück kam gerade in diesem Moment Oma auf sie zu.
„Hey, find' ich ja echt cool, dass ihr zu meiner Geburtstagsparty gekommen sein“, rief sie.
Johanna musste grinsen, als sie Tante Sieglindes Gesicht einem neuen Weltrekord an Missfallen entgegenstreben sah. Oma sah aber auch wirklich heiß aus. Alle Leute waren schick gekleidet und machten auf besonders vornehm, aber Oma trug Jeans, unter denen ein paar ausgelatschte Cowboystiefel hervorschauten, ein TShirt und ihre alte Lederjacke. Tante Sieglinde murmelte etwas von: „ich muss noch nach den Getränken schauen“ und verschwand dann gefolgt von Conrad, dem Mustersohn.
„Ich freue mich wirklich, dass ihr da seid“, sagte Oma, „es wurde wirklich Zeit. Bei so vielen normalen Leute wird einem ja richtig langweilig. ‚Geht's Dir auch gut?’, ‚Wie schön, Dich noch einmal zu sehen’, alle diese öden Sprüche. Man könnte meinen, ich wäre eine alte Oma.“
„Wisst ihr schon, was ich mir zum Geburtstag geschenkt habe?“ , sprudelte sie dann heraus, und noch bevor Johanna anfangen konnte zu raten fuhr sie fort:
„Ein Motorrad, eine echte Harley, das ist cool, Mann. Wenn wir nachher etwas Zeit haben, dann drehen wir mal 'ne Runde“.
Johannas Mutter wollte gerade einen Einwand hervorbringen, doch da kam Onkel Rudolph und schleppte Oma zu einem Sekt ab. Dann kam auch noch Großtante Walpurga und verstrickte Mama in ein Gespräch über Strümpfe stopfen und deshalb beschloss Johanna, sich ein wenig umzusehen.
Im Esszimmer war das Kuchenbüfett aufgebaut. Johanna schlenderte ein bisschen herum und dachte an Dagobert. Wenn er doch nur hier wäre, dann wäre die ganze Show nicht so öde. Statt dessen kam Conrad herein.
„Na du doofe Kuh“, sagte er, und streckte Johanna die Zunge heraus.
„Selber, selber“, wollte Johanna gerade sagen, als plötzlich ein Kuchen platzte und ein kleiner, blauer Kopf erschien. Conrad wurde zuerst blass und dann weiß, weil ihm eine große Portion Sahne ins Gesicht flog.
„Untersteh dich, meine Freundin zu beleidigen“, sagte Dagobert, „sonst beiß ich dich in den Finger!“
Conrad klappte nur den Mund auf und zu und starrte den Drachen an. Dann kreischte er los wie eine Kreissäge, drehte sich um und rannte davon. Leider stand ihm ein Teil vom Kuchenbüfett im Weg, aber nur kurz. Nach einem heftigen Zusammenstoß machten der Tisch und die Kuchen höflich für Conrad Platz, indem sie zu Boden fielen. Conrad wusste diese nette Geste aber nicht zu würdigen. Statt dessen rutschte er auf dem Kuchenmatsch aus und stieß die Blumenvase um, oder wollte er nur den Boden säubern?
Johanna drückte Dagobert zufrieden an sich und gab ihm einen Kuss.
Der Krach hatte natürlich die Erwachsenen auf den Plan gerufen. Tante Sieglinde und Mama waren zuerst am Tatort. Mama schaute Johanna fragend an, doch diese zuckte nur unschuldig mit den Schultern. Tante Sieglinde schloss kurz ihren vor Überraschung offenstehenden Mund, um gleich darauf Conrad anzubrüllen:
„Wie kannst Du mir so etwas nur antun?“
„Da war ein Monster ..., ein blaues Monster ..., das hat mich angegriffen“, stammelte Conrad, doch die Erwachsenen schüttelten nur verständnislos die Köpfe.
„Doch ganz bestimmt, fragt doch Johanna, die hat es auch gesehen!“, ergänzte Conrad wütend, weil er erkannte, dass ihm niemand glaubte.
Aber Johanna war nicht mehr da. Sie drehte eine Runde mit Oma auf ihrer neuen Harley.
„Das war die beste Show, die ich je an einem Geburtstag erlebt habe“, sagte Oma.
„Ausgerechnet Conrad musste das passieren, wo er sich immer so vorbildlich verhält. Übrigens hatte ich auch mal so einen Drachen zum Freund. Ein Drachenmädchen, um genau zu sein. Das war damals während des Krieges, als ich in Amerika im Exil war. Wenn du willst, erzähl ich dir beim nächsten Besuch noch mehr darüber.“
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