Zurück zu Birkenstock-Cramberg Papa ist da!

Papa ist da!

Johanna war glücklich. Heute war einfach ein guter Tag. In Deutsch hatte sie den Erlebnisaufsatz zurückbekommen, den sie am vergangenen Montag geschrieben hatten eine Eins. Frau Geier, ihre Lehrerin, hatte darunter geschrieben, es sei wohl ein bisschen viel erfunden, was sie da schreibe, aber die Geschichte sei so schön, dass sie dafür eine Eins verdient hätte. Dabei war nichts erfunden. Sie hatte nur die Geschichte von Dagobert bei Omas Geburtstag aufgeschrieben. Aber egal — Hauptsache eine Eins.

Ja, und wenn in zehn Minuten die Schule aus war, dann würde sie zur Oma fahren. Darauf freute sie sich schon die ganze Zeit. Sie war gespannt darauf, was Oma über Drachen wusste. Und dann war da noch etwas: Heute würde Papa heimkommen. Er war drei Monate in Amerika gewesen. Er musste dort für seine Firma arbeiten und den ganzen Tag Englisch reden. Mama war zum Flughafen gefahren, um ihn abzuholen. Weil sie erst spät zurückkommen würde, sollte Johanna heute bei Oma schlafen. Natürlich hatte Johanna Dagobert mitgenommen. Er saß auf ihrer Schulter unter den Wuschelhaaren versteckt und war schon ganz aufgeregt. Aber nicht wegen der Schule oder wegen Oma oder gar wegen Papa.

„Ich bin schon lange nicht mehr mit einem Bas gefuhren, äh, Bes gufehren, ach Du weißt schon was ich meine“, stotterte er. „Fährt der Bus auch ganz bestimmt zu Deiner Oma? Ich möchte nämlich nicht einsam und alleine in der dunklen Nacht irgendwo ganz woanders sein“.

Johanna beruhigte ihn und kaufte eine Fahrkarte am Automaten. Nach wenigen Minuten Wartezeit kam auch der zur Fahrkarte passende Bus, so dass die Reise beginnen konnte. Johanna und Dagobert stiegen ein und setzten sich in die erste Reihe, direkt hinter den Fahrer. Dass das keine gute Idee war, wurde Johanna schon ziemlich bald klar, als Dagobert im Bus auf Erkundungsreise ging.

Zuerst hüpfte er einer älteren Dame auf den Busen, was diese zum Anlass nahm, dem jungen Mann neben ihr eine Ohrfeige zu geben Dagobert konnte sie ja nicht sehen. Dann schubste er einem Mann den Hut vom Kopf, wofür ein Schuljunge in der Reihe dahinter ein Kopfschütteln und einen bösen Blick erntete. Dem Kontrolleur, der nächsten Station ein einstieg, versteckte er die Brille, so dass der gute Mann keine Fahrkarten mehr prüfen konnte. Als er dann aber anfing, den Fahrer zu verwirren, in dem er die Hupe drückte und die Scheibenwischer anstellte, wurde es Johanna zuviel.

„Komm sofort hierher!“, zischte sie. „Kein Wunder, dass Du bei Deiner letzten Fahrt am Ende der Welt gelandet bist. Da wird ja jeder Busfahrer verrückt.“

Zum Glück waren sie bald darauf da. Sie stiegen aus nicht ohne dass Dagobert noch einmal zum Abschied gehupt hätte und gingen den kurzen Weg zu Omas Haus. Leider waren sie zu früh. An der Tür hing ein Zettel, auf dem stand: „Bin nach Tiefstadt, Kuchen kaufen. Keep cool – Omi”.

Johanna setze sich auf den Rasen vor dem Haus und fing schon einmal an, ihre Hausaufgaben zu machen. Kurz darauf hörte sie das Blubbern der Harley, und dann war Oma da.

„Hey Schatz, wie geht's“, sagte sie und küsste Johanna auf die Stirn. Während sie ins Haus gingen, erzählte Johanna von der Schule und der Eins im Aufsatz. Oma freute sich mit ihr, und dann gab es erst einmal Mittagessen. Oma hatte nämlich nicht nur Kuchen sondern auch noch eine große Pizza gekauft. Nach der Pizza, einem Eis und einem Kaffee für Oma fragte Johanna:

„Du wolltest mir doch etwas über Drachen erzählen?“

Oma rülpste und kratzte sich am Kopf, doch dann fing sie an zu erzählen:

„Es war damals, während des Krieges. Hier in Deutschland waren Menschen nicht erwünscht, die einfach ihre Meinung sagten und sich für fremde Menschen einsetzten, statt sie schlecht zu machen und ins Konzentrationslager zu schicken. Es gab nur zwei Möglichkeiten: entweder ich wäre in den Untergrund gegangen, um gegen die Regierung zu kämpfen, oder ich musste Deutschland verlassen, bis bessere Zeiten angesagt waren. Ich entschied mich für das Exil, und so bin ich bei Nacht und Nebel aus Deutschland weggegangen und mit einem Passagierschiff nach Amerika gefahren. Ich hatte nicht viel Geld, also musste ich an Bord arbeiten. Ich half dem Koch in der Kombüse und lernte dort, Kuchen zu backen. Als ich dann in Amerika ankam, begann eine harte Zeit. Ich konnte kein Wort Englisch und musste mich, wie ein Stummer, mit Händen und Füßen verständlich machen. Zuerst arbeitete ich auf der Straße als Schuhputzer, später spülte ich in einem Restaurant das Geschirr, doch ich war sparsam und fleißig, und schließlich gelang es mir, eine kleine Konditorei zu kaufen. Der Bäckermeister war alt und wollte seinen Beruf aufgeben, so konnte ich das Geschäft günstig erwerben. Was mir der Bäcker nicht gesagt hatte war, dass er schon seit Monaten keine Torte mehr verkauft hatte. Jede Torte, jeder Kuchen, den er des Abends schön verziert fertiggestellt hatte, war anderentags zerstört. Das war eine schöne Bescherung, als ich das feststellte. Eine Woche ging das so, dann legte ich mich des Nachts auf die Lauer, und was glaubst Du, was ich gesehen habe?“

„Einen kleinen, blauen Drachen?“, fragte Johanna.

„Falsch“, sagte Oma, „eine kleine rosa Drachendame. Sie wühlte jeden meiner Kuchen durch, so dass keiner mehr brauchbar war. ‚Was machst Du da?’, fragte ich die Drachendame. Sie war dem Weinen nahe und schluchzte: ‚Ich suche einen Mann einen Drachenmann. Seit Wochen suche ich ihn schon, aber ich finde ihn nicht. Dabei steht in meinem Horoskop, dass ich mein Glück in einer Torte finden werde’. Wir unterhielten uns noch eine ganze Zeit und schließlich konnte ich sie davon überzeugen, dass in meinen frisch gebackenen Torten keine Drachen zu finden sind. Ich machte ihr den Vorschlag, doch einfach beim Backen zu helfen. Das tat sie dann auch, und sie war eine hervorragende Bäckerin. Wir haben den besten Kuchen von ganz New York gebacken. Alle berühmten Leute haben unseren Kuchen gegessen. Aber nach ein paar Jahren wurde Dolinde, so hieß die Drachendame, ganz traurig. Sie war einsam, und so machte sie sich wieder auf die Suche nach einem Gefährten. Ich habe nie wieder etwas von ihr gehört.“

Johanna und Oma unterhielten sich noch lange an diesem Abend und Dagobert hörte aufmerksam zu. Schließlich gingen sie aber doch zu Bett, denn Johanna wollte ausgeschlafen sein, wenn es am Morgen nach Hause zu Papa ging.

Als sie dann früh morgens vor der Haustür stand, hatte sie zwar Ränder unter den Augen und musste ständig gähnen, aber sie freute sich zu sehr auf Papa, um sich davon stören zu lassen. Es wurde eine riesen Begrüßung mit Küssen, Umarmen und so weiter. Schließlich fragte sie:

„Hast Du mir auch was mitgebracht?“

Papa nickte und reichte ihr ein Geschenk. Johanna packte es schnell aus. Sie schaute einmal, sie schaute zweimal.

„Ein Wörterbuch?“ fragte sie etwas ungläubig und konnte wohl ihre Enttäuschung nicht so recht verbergen.

„Es ist so“, druckste Papa herum, „ich muss noch einmal nach Amerika, für drei Jahre, und da wollte ich euch mitnehmen. Ich weiß, das ist nicht schön, aber ...“

„Nicht schön? Das ist doch super!“ sagte Johanna und warf sich Papa, der reichlich erstaunt war, an den Hals. Woher sollte er auch wissen, dass Amerika das Land der Träume war – für Johanna und Dagobert zumindest.

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