|
Der große Sturm
Es war ein schöner Morgen. Die Sonne schien und die Vögel zwitscherten, weit und breit war keine Wolke zu sehen. Gestern war der letzte Schultag gewesen. Johanna hatte ein sehr gutes Zeugnis bekommen, aber trotzdem war sie nicht so richtig glücklich. Als sie zum Abschied noch einmal ihr leeres Kinderzimmer betrat, kamen ihr die Tränen. Jetzt hatte sie neun Jahre hier gewohnt und wer wusste schon, ob sie jemals wieder hierher kam. Eigentlich sollte sie sich ja freuen, den heute würde sie mit Mama und Papa nach Amerika reisen. Drei Jahre sollten sie dort wohnen. Sie würde in eine amerikanische Schule gehen und ganz viel Englisch lernen. In New York würden sie leben, in einem riesigen Wolkenkratzer und sie würde Dinge sehen, von denen die meisten ihrer Freundinnen nur träumen konnten. Trotzdem würde ihr die kleine Stadt hier fehlen und ganz besonders ihre Freundinnen. Wieder kullerten ein paar Tränen bei dem Gedanken. Eine kleine, sanfte rosa Zunge leckte sie auf.
„Kopf hoch, Johanna“, sagte Dagobert, „freu' dich lieber, vielleicht finden wir ein Drachenmädchen für mich.“
Johanna trocknete die Tränen. „Ja, du hast recht. Und bestimmt gibt es auch in Amerika eine Menge guter Freunde.“
„Und es gibt jeden Tag Kaugummi, habe ich gehört“, ereiferte sich Dagobert.
Johanna musste lachen. Außer vor Kühlschränken schien Dagobert vor nichts Angst zu haben.
„Johanna!“, hörte sie Mama von unten rufen, „komm endlich, sonst verpassen wir noch unser Schiff“.
Sie würden mit dem Schiff nach Amerika fahren. Papa hatte das beschlossen. Es würde vier Wochen dauern und Papa brauchte während der ganzen Zeit nicht zu arbeiten. “Zuerst mit dem Flieger nach Ägypten, von da aus dann per Schiff durch das Mittelmeer und schließlich über den Atlantik nach New York”, hatte er strahlend gesagt. Das sollte sein Urlaub sein. Johanna war sich nicht sicher, ob das nicht langweilig würde, solange auf einem Schiff zu sein, aber Papa hatte ihr versichert, dass es wie in einem Feriendorf wäre.
Als sie dann im Hafen ankamen und Johanna das Schiff sah, kriegte sie den Mund vor Staunen gar nicht mehr zu. Papa hatte wohl recht. Das Schiff war so lang wie drei Sportplätze und hatte 9 Stockwerke. Es gab zwei Swimmingpools und jede Menge Liegestühle. Auch Dagobert war ganz aufgeregt. So etwas hatte er in seinen 799 Jahren noch nicht erlebt. Vor lauter Freude biss er dem Kellner, der den Sekt zur Begrüßung reichte, in den Fuß. Dem jungen Mann fiel das Tablett aus der Hand und zwei Gläser Sekt begrüßten daraufhin Mamas Kleid von Ausschnitt bis zum Bauchnabel. Mama schnappte nach Luft, der Kellner bekam einen roten Kopf und der Kapitän erschien persönlich, um sich für die Ungeschicklichkeit seines Personals zu entschuldigen. Die Reinigung würde selbstverständlich auf Kosten der Reederei erfolgen und die ganze Familie sei eingeladen, zum Abendessen an seinem Tisch zu sitzen. Das schien eine große Ehre zu sein, denn alle, die um sie herum standen waren sehr beeindruckt.
Sie wohnten in einer Suite, zwei große Zimmer mit Bad, auf einem der obersten Decks, und Papa sagte, die Bude hätte schweinisch viel Kohle gekostet. Papa drückte sich öfters so ungehobelt aus. Kaum zu glauben, dass er Chef in einer großen Firma war.
Am Nachmittag vergnügten sich Johanna und Dagobert auf dem Sonnendeck. Es gab hier jede Menge Angeber: Mädchen, die sich besonders hübsch vorkamen, und Jungs, die auf ganz cool machten. Dagobert, für die Erwachsenen unsichtbar, klaute dem Barkeeper ein paar Eiswürfel und steckte sie den besonders coolen Jungs in die Badehose, damit sie noch etwas cooler wirken konnten. Einer Frau, die beim Sonnenbaden eingeschlafen war, malte er mit Lippenstift einen Sonnenbrand ins Gesicht. Den beiden Schachspielern auf dem Zwischendeck verschob er die Schachfiguren, bis die beiden sich fürchterlich stritten und sich gegenseitig des Schummelns bezichtigten.
Johanna und Dagobert waren sich einig, dass dies eine wirklich erholsame und lustige Reise werden würde. Auf dem Rückweg zur Kabine banden sie dem Liebespaar, das knutschend an der Reling stand, die Schuhbänder aneinander und schließlich tauschten sie noch das Schild an der Tür des Kapitäns gegen das der Damentoilette aus. So viel Damenbesuch hatte der .Kapitän bestimmt schon lange nicht mehr bekommen.
Das Abendessen wurde eher langweilig. Johanna verstand beim besten Willen nicht, was es für eine große Ehre sein sollte, den ganzen Abend mit dem Kapitän über Dinge zu reden, die sie überhaupt nicht interessierten. Nur als der Trompeter der Musikkapelle keinen Ton mehr herausbekam, weil Dagobert seinen dicken Hintern im Instrument hatte, kam bei Johanna noch einmal etwas Stimmung auf. Aber sie war schon so müde, dass sie froh war, als es bald darauf ins Bett ging. Das sanfte Schaukeln des Schiffs in den Wellen ließ sie schnell einschlafen.
Als sie des anderen Morgens aufwachte, war aus dem sanften Schaukeln ein heftiges Schlingern und Schwanken geworden. Aus dem Fenster konnte man hohe Wellen sehen, der Wind stürmte und der Kapitän draußen an Deck konnte sich nur mit Mühe auf den Beinen halten.
Ein echter Sturm das musste sich Johanna genauer ansehen. Sie zog ihre Regenjacke an, steckte Dagobert in die Seitentasche und stürmte los. Als sie den großen Speisesaal durchquert und schon fast die Tür zum Sonnendeck erreicht hatte, hörte sie eine Stimme hinter sich.
„Wohin so eilig, junge Dame?“ Es war der Kapitän.
„Ich will ein bisschen Sturm gucken gehen“, sagte Johanna und Dagobert nickte zustimmend.
„Das ist strengstens verboten, mein Fräulein“, sagte der Kapitän streng. „Bei so einem Sturm kann man an Deck leicht fallen und sich verletzen. Geh' lieber Frühstücken und anschließend ins Kinderspielzimmer.“
Enttäuscht drehte Johanna ab. Immer wussten die großen Leute alles besser. Nie durfte sie tun, was sie wollte. Vor lauter Ärger stellte sie dem Kellner, der gerade vorbei kam um neue Milch für das Frühstücksbüfett zu bringen, ein Bein. So verfehlte die Milch ihr Ziel und stand nun in einer großen Pfütze vor statt in der Kanne auf dem Tisch. Johanna und Dagobert gingen zurück in die Kabine. Sie waren sich einig: Schiff fahren war blöd.
Drei Tage später stürmte es immer noch. Die Wellen waren hoch und Johannas Laune war schlecht. Auf einmal brüllte Dagobert:
„Ich muss hier raus“ und stürmte an Mama, die gerade zur Tür der Kabine hineinkam, vorbei nach draußen.
„Warte!“ schrie Johanna und eilte hinterher.
Mama sah erstaunt hinterher. „Worauf?“ rief sie Johanna nach, aber die war schon außer Hörweite.
Dagobert jagte die Gänge und Treppen rauf und runter und Johanna hetzte hinterher. An einer Ecke traf sie ihren Lieblingskellner, der dabei, wie immer, sein Tablett verlor. Diesmal mussten zwei Portionen Eis sich einen neuen Halt an der Wand suchen.
Dagobert rannte nach draußen an Deck und Johanna hinterher. Kurz vor der Reling hatte sie ihn eingeholt.
„Spinnst du?“ fragte sie Dagobert, „hier draußen ist es gefährlich, komm wieder rein, sonst...“.
Doch den Satz konnte sie nicht mehr beenden. Eine hohe Welle hob das Schiff, Johanna und Dagobert wurden in die Luft gewirbelt und flogen in hohem Bogen über Bord.
„Hilfe!“ schrie Johanna, doch keiner hörte sie.
Nach einem endlosen Flug durch die Luft schlugen sie im Wasser auf. Johanna konnte zwar schwimmen, aber die Kleidung war schwer und zog sie nach unten. Die hohen Wellen taten ein übriges. Zwei, dreimal tauchte ihr Kopf noch zwischen den Wellen auf, dann war sie nicht mehr zu sehen.
|