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Reif für die Insel?
Johanna öffnete die Augen. Ein heller Lichtstrahl blendete sie. Sie musste im Himmel sein. Das helle Stimmchen, das fast wie ein Lachen klang, konnte nur von einem Engel stammen. Nun war sie also tot, dabei war sie gerade erst neun Jahre alt.
„OOOUUUAAAAR“ hörte sie da eine Stimme neben sich. Ein Engel der rülpst? Johanna schüttelte den Kopf. Feiner Sand rieselte ihr aus den Haaren in ihre Augen. Ihre Hände waren voll Sand, überhaupt alles war hier sandig. Johanna setze sich auf. War sie im Himmel etwa im Sandkasten auf einem Spielplatz gelandet? Sie blickte sich um.
Nein, sie saß an einem Strand, die Sonne schien heiß vom Himmel und der rülpsende Engel neben ihr war niemand anders als Dagobert.
Wieder hörte sie das feine Pfeifen. Im Wasser sah sie einen Delphin, der auf und ab schwamm und zu ihr hinüber zu schauen schien.
„Was für eine Reise“, stöhnte Dagobert, der immer noch rülpsen musste, wahrscheinlich weil er so viel Wasser geschluckt hatte.
„Zum Glück hat mir der Delphin geholfen, sonst wärst du glatt ertrunken. Du bist ganz schön schwer.“ sagte Dagobert.
Johanna musterte ihn kritisch und Dagobert wurde rot. Eigentlich hatte Johanna ihn festgehalten, sonst wäre er wohl im Meer verloren gegangen. Aber Johanna war jetzt nicht der Sinn danach, sich mit Dagobert zu streiten. Sie machte sich Sorgen um ihre Eltern. Was Mama und Papa wohl jetzt machten? Sie mussten sehr unglücklich sein, jetzt wo ihre Tochter weg war.
Ein Magenknurren später wurde ihr klar, dass es auch noch andere Probleme gab: wovon sollten Dagobert und sie hier leben? Und wo sollten sie heute nacht bleiben? Für die Küchenarbeit war immer Mama zuständig gewesen. Sie hatte gekocht, geputzt, gewaschen sowohl die Wäsche als auch Johanna. Die Wohnung und die Möbel hatte Papa gekauft. Und was gab es hier? Nur Strand. Nicht einmal Kellner zum ärgern gab es hier. Johanna trat mit dem Fuß in den Boden, dass der Sand spritzte.
Der Delphin meldete sich wieder. Johanna hatte den Eindruck, als würde er auf etwas wartete.
„Na klar“, dachte sie, „ich habe mich noch nicht einmal bedankt“. Sie ging näher ans Wasser. Sie überlegte einen Moment, dann zog sie ihre Sachen aus und lief ins Wasser. Der Delphin schwamm auf sie zu. Johanna hielt sich an seiner Rückenflosse fest und streichelte ihn.
„Danke“, sagte sie liebevoll, und gab ihn einen Kuss. Der Delphin gab ihr eine kurze Antwort in seiner Sprache. „Schade, dass ich Dich nicht verstehen kann“, sagte Johanna, „Du bist wirklich ein lieber Kerl. Wir Menschen sind nicht immer so.“
„He, willst Du etwa alleine nach Amerika schwimmen“, rief ihr Dagobert von der Insel zu.
Johanna schwamm an den Strand zurück. Abtrocknen konnte sie sich nicht sie hatte ja kein Handtuch also lies sie sich einfach von der warmen Sonne trocknen.
Zuerst mussten sie etwas zu trinken finden und einen Platz zum Schlafen, das hatte sie aus ihren Büchern gelernt. Sie machte sich also auf den Weg ins Innere der Insel. Dagobert folgte ihr vorsichtig. Er hatte in den Büchern gelesen, dass es auf solchen Inseln auch immer Seeräuber und Menschenfresser gab.
„Quatsch“, sagte Johanna, „Seeräuber, die auf einsamen Inseln leben, gibt es schon lange nicht mehr. Und Menschenfresser gibt es nur noch ganz wenige, tief versteckt im Urwald. Außerdem bist du ein Drache und von Drachenfressern hab’ ich noch nie was gehört. Also: wovor hast du Angst?“
Dagobert zuckte mit den Schultern, hielt sich aber trotzdem im Hintergrund. Einer musste schließlich die Nachhut bilden.
Sie brauchten zum Glück nicht weit zu gehen. Etwa einen Kilometer vom Strand entfernt, im dichteren Wald, gab es eine Wasserstelle. Johanna war zu durstig, um sich Gedanken darüber zu machen, dass das Wasser giftig für sie seien könnte. Sie nahm eine Handvoll und trank. Es schmeckte frisch und war sogar ein bisschen kühl.
Wasser hatten sie also jetzt, aber was sollten sie essen? Auf den Palmen wuchsen Kokosnüsse, aber Johanna war ja kein Affe. Dagobert machte den Vorschlag den Baum zu fällen, aber da er kein Feuer speien konnte und seine Zähne nicht scharf genug waren, um ihn abzusägen, mussten sie sich etwas anderes überlegen. Zum Glück fanden sie eine Palme, die sehr krumm gewachsen war. Johanna schaffte es tatsächlich, an ihr hochzuklettern und zwei Kokosnüsse zu pflücken. Eine ganze Stunde später hatten sie es dann geschafft, die Nuss zu knacken. Ohne Werkzeug war das nicht so einfach. Dafür schmeckte eine frisch gepflückte Kokosnuss tausend mal besser als eine im Supermarkt gekaufte.
Inzwischen hatte es angefangen zu regnen. Das war nicht einfach so ein Regen wie zu Hause. Es regnete nur kurz, dafür aber so heftig, dass Johanna und Dagobert am liebsten ins Meer gesprungen wären, um nicht so nass zu werden. Sie brauchten also unbedingt eine Hütte.
Auf dem Weg zurück zum Strand fanden sie eine große Holzkiste. Wahrscheinlich war sie auch von einem Schiff gefallen und hier angeschwemmt worden ein Leidensgenosse sozusagen. Johanna beschloss, dass die Kiste ihr Zuhause werden würde. Mühsam zog sie die Kiste in den Schatten einer Palmengruppe. Dagobert half ihr dabei mit guten Ratschlägen. Als sie ihr Werk beendet hatten, war Johanna so müde, dass sie gleich zu Bett ging. Ohne noch nach einer Decke oder einem Kissen zu suchen, legte sie sich in die Kiste.
„Gute Nacht“, sagte sie zu Dagobert, doch von dem war nur noch ein Schnarchen zu hören. Inselleben macht müde.
Am anderen Morgen gingen sie wieder an den Strand. Die morgendliche Wäsche bestand aus eine Runde Schwimmen im seichten Wasser. Anschließend gab es den Rest Kokosnuss vom Vortag.
Dann kam Johannas Freund, der Delphin, und brachte einen großen Fisch mit. Japaner essen gerne rohen Fisch, hatte Johanna in der Schule gelernt, aber sie konnte sich nicht so recht vorstellen, dass man dieses zappelnde Tier tatsächlich ungebraten essen konnte. Dann erinnerte sie sich, dass man mit ein paar Holzstöckchen auch ein Feuer erzeugen kann, wenn man sie lange genug aneinander reibt.
Sie brauchte drei Stunden bis ihr Feuer in Gang kam, aber sie war ehrgeizig, und beim nächsten Mal würde es schneller gehen. Sie briet den Fisch und so gab es zu Mittag einen echten Festschmaus.
Nachmittags suchten Dagobert und Johanna dann Blätter und Moos, um ihr Haus auszubauen und Abends, nach dem täglichen Regen, fielen die beiden dann wieder hundemüde in ihre Kiste.
So vergingen die Tage und langsam wurde aus dem Abenteuer ein langweiliger Alltag. Es war wunderschön hier und ohne Schule konnte man es bestimmt auch aushalten. Der Delphin brachte ihnen täglich Fisch und mit der Zeit bekamen sie Übung im Kokosnuss pflücken. Aber Johanna und Dagobert fühlten sich einsam. Sollten sie jetzt bis an ihr Lebensende hier am Strand einer einsamen Insel wohnen? Johanna beschloss, dass sie unbedingt mehr über die Insel wissen mussten.
Sie sammelten Nüsse und brieten Fische als Reiseproviant, wickelten ihn in ein paar Palmblätter und machten sich auf den Weg. Sie gingen am Strand entlang, damit sie kein Schiff verpassten, das eventuell an der Insel vorbei fuhr. Ihre Insel musste groß sein, denn nach zwei Tagen waren sie noch immer nicht wieder am Ausgangspunkt ihrer Reise angelangt. Statt dessen kamen sie an eine Steilküste. Das Meer brandete hier direkt an die Küste es gab keine Möglichkeit am Strand weiterzugehen.
„Auch gut“, dachte Johanna und machte sich mit Dagobert an den steilen Aufstieg.
Vier Stunden später waren sie, total erschöpft, oben. Dafür hatten sie vor hier eine prächtige Aussicht auf den Strand und das Meer und auf die andere Seite der Insel. Was sie da sahen, verschlug ihnen die Sprache. Die Insel war keine Insel. Die Küste erstreckte sich bis zum Horizont und nur ein paar Kilometer von ihrem Beobachtungsposten entfernt blinkte eine weiße Villa in der Sonne. Johanna machte einen Luftsprung.
„Wir sind gerettet!“ rief sie, und dann liefen sie so schnell sie konnten auf das Haus zu.
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