Zurück zu Birkenstock-Cramberg Der Herr der Sinne

Der Herr der Sinne

Die Sonne brannte heiß vom Himmel, als Johanna und Dagobert die Villa erreichten. Es war ein großes, beinahe quadratisches Gebäude, weiß gestrichen und mit kleinen Fenstern, um der Hitze möglichst wenig Angriffspunkte zu liefern. Zum Weg hin, auf dem Johanna jetzt stand, gab es eine flache Mauer, dahinter lag ein kleiner Hof mit ein paar kleinen Palmen und Kakteen. Johanna ging auf das kleine, eiserne Tor zu, das den Einlass zum Hof gewähren würde. Kein Ton war zu hören. Kein Vogel zwitscherte, kein Auto brummte absolute Stille. Aber wer mochte auch schon freiwillig bei dieser Hitze den Schutz des Schattens verlassen? Das Tor war zu. Johanna suchte nach einer Klingel. Links neben dem Tor fand Johanna seltsame Muster:

daskalos

war in die Mauer gemeißelt. Johanna strich nachdenklich mit ihren Fingern über die Punkte. Sie hatte das seltsame Gefühl, dass sie solche Zeichen schon einmal gesehen hatte.

Weder links noch rechts vom Tor war eine Klingel zu entdecken. Johanna fasste an das Tor es öffnete sich lautlos. Ein kalter Schauer jagte Johanna den Rücken hinunter als sie durch den Hof auf die Haustür zu ging. Es war alles so unheimlich still hier sollte das Haus verlassen sein? Würde sie am Ende doch nicht von hier fort kommen? Sie wollte gerade die Haustüre öffnen, als sie innehielt. Was, wenn eine Gruppe Verbrecher dieses Haus als moderne Piratenhöhle benutzten? Wenn diese sie gefangen nahmen und als Geisel benutzten, um Lösegeld von ihren Eltern zu erpressen? Eine Sekunde lang dachte sie daran, fortzulaufen und wieder in ihre Kiste am Strand zurückzukehren. Doch dann sah sie sich noch einmal um. Nein, dieses Haus strömte einen großen Frieden und Liebe aus, sie konnte sich nicht vorstellen, dass dieses Haus der Unterschlupf von Räuber sein konnte.

Johanna holte tief Luft, öffnete die Tür und trat mit klopfendem. Herz in den Hausflur. Angenehm kühle Luft umfing sie. Sie schaute sich um. Rechts und links des Ganges waren Türen, alle verschlossen. Doch geradeaus, am Ende des Flurs war ein Licht zu sehen. Johanna ging darauf zu. Die Tür stand offen und führte in einen Innenhof, der mit wunderschönen Pflanzen begrünt war. In der Mitte sprudelte ein Springbrunnen. Davor stand ein großer Sessel, von dem sie nur die Rückseite sah. Während Johanna sich noch staunend umsah, sagte plötzlich eine sanfte Männerstimme:

„Kommt näher, ihr zwei, ich habe auf euch gewartet.“

Dagobert, der durch die Kühle des Hauses neugierig geworden einen Blick aus Johannas Brusttasche riskiert hatte, schaute Johanna erstaunt an. Wieso konnte dieser Mann ihn sehen, wenn er mit dem Rücken zu ihnen saß und wieso hatte er sie erwartet? Erschrocken drückte Johanna Dagobert an sich.

„Habt keine Angst, ich tue euch nichts“, sagte der Mann, als könne er Gedanken lesen, und winkte mit der Hand. „Nehmt euch einen Hocker und setzt euch“, sagte der Mann, als Johanna und Dagobert zögernd vor ihn traten.

„Ein seltsamer Mann“, dachte Johanna. Er schien schon ziemlich alt zu sein, vielleicht 70, und er wirkte vollkommen friedlich und glücklich, einfach zufrieden. Seine Augen blickten merkwürdig starr auf eine Stelle neben Johannas Kopf, und in diesem Moment wurde Johanna klar, woher sie die seltsamen Schriftzeichen an der Mauer kannte. Der Mann war blind und die Punkte waren Blindenschrift, sie hatte in der Schule darüber gelernt. Wie zur Bestätigung nickte der alte Mann.

„Ich bin Daskalos, das heißt: der Lehrer. Ich bin schon viele Jahre blind, dadurch habe ich sehr viel gelernt und schon vielen Menschen etwas beigebracht. Ihr zwei seid aber wirklich die merkwürdigsten Gäste, die ich je hatte. Die meisten, die zum Lernen mir kommen, sind erwachsen. Du“, dabei deutete er auf Johanna, „du bist viel jünger und dein Freund ist kein Mensch. Aber ich kenne kein Tier, das so ist wie er.“

Johanna hatte der Eindruck, dass es Zeit war, sich vorzustellen. „Ich bin Johanna Susanna Viktoria Wilhelmina Meier und das hier ist mein Freund Dagobert, ein kleiner blauer Drache. Wir sind ganz und gar nicht hier, um zu lernen, wir wollen nach Hause!“

Und dann erzählte sie die lange Geschichte von der Fahrt nach Amerika, wie sie vom Schiff gestürzt und gerettet worden war, wie sie Dagobert kennen gelernt hatte und dass sie eine Frau für ihn suchten. Schließlich fiel ihr nichts mehr ein und so machte sie eine Pause. Also erzählte Daskalos etwas über sich:

„Du hast dich doch sicher gefragt, wieso ich euch erwartet habe. Nun das hat etwas mit meinem Blindsein zu tun. Im Laufe der Zeit habe ich diesen Sinn verloren, doch einen neuen gewonnen. Das heißt, ich habe ihn nicht eigentlich gewonnen, ich habe ihn wiederentdeckt. Ich kann die Energie von allen Gegenständen, von Menschen und Tieren spüren. Ich kann in meinem Körper spüren, wenn jemand zu mir kommt und welche Gefühle er für mich hat. Ob er freundlich ist oder böse, ob er Angst hat oder nicht. Deshalb kommen immer wieder Schüler zu mir, um das zu lernen. Ich habe euch zwei schon weit vor meinem Haus gespürt. Ihr wart so voller Hoffnung und Glück, dass eure Energie euch weit vorausgeeilt ist. Es war schön, sie zu spüren und ich habe dir ganz viel Freundschaft gesendet, als ich merkte, dass du Angst hast hereinzukommen. Energie kann man bekommen, aber auch abgeben. Wenn du jemanden ganz lieb hast und besonders lieb über ihn denkst, dann wird dieser schöne, liebe Gedanke zu diesem Jemand geschickt und wenn der es gelernt hat, das zu spüren, dann wird er ganz viel Wärme fühlen und glücklich sein. Bestimmt hast du auch schon mal diese Wärme gespürt, wenn dich deine Mama oder dein Papa ganz lieb angesehen haben oder dich in den Arm genommen haben. Umgekehrt können böse und schlechte Gedanken dir Energie wegnehmen. Auch das hast du bestimmt schon erlebt, zum Beispiel, wenn dich jemand in der Schule oder zu Hause schlecht macht. Doch die Energie, die dir der Sender eines schlechten Gedankens wegnimmt, hilft dem Sender nicht viel. Diese Energie macht unzufrieden und nicht glücklich. Wer gute, liebe Gedanken abgibt, der wird glücklich, weil es ein schönes Gefühl ist, jemanden zu lieben und weil dieser dir dann auch wieder Liebe zurückgibt.“ Johanna hatte aufmerksam zugehört. „Als ich in meiner Kiste gelegen habe, hatte ich manchmal das Gefühl, dass mir ganz warm ums Herz wird und dann musste ich an meine Eltern denken und hab mir gewünscht, dass sie sich keine Sorgen machen.“

„Abends, wenn wir Zeit haben, ist eine besonders gute Gelegenheit Energie zu versenden. Bestimmt haben deine Eltern abends, wenn die Hektik des Tages nachgelassen hat, an dich gedacht und gehofft, dass du noch lebst. Du hast ihre Liebe gespürt.“

Es wurde langsam dunkel und Daskalos schlug vor, hier draußen im Hof zu essen. Sie trugen Speisen und Getränke heraus und setzten sich um den kleinen Holztisch in der Nähe des Springbrunnens. Während des Essens wurde Johanna immer schweigsamer. Daskalos spürte, dass etwas nicht stimmte und sah sie fragend an.

„Ich muss sofort zu meinen Eltern nach Hause“, sagte Johanna.

„Das ist nicht so einfach“, sagte Daskalos. „Ich habe kein Telefon, aber Kirikaidos, mein Freund, hat eines. Heute ist es zu spät, aber morgen früh werden wir aufbrechen, um ihn zu besuchen. Wir werden den ganzen Tag unterwegs sein und wenn du willst kann ich dir während der Wanderung noch etwas über Energien beibringen.

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