Zurück zu Birkenstock-Cramberg Die Pyramide von Ephandrea

Die Pyramide von Ephandrea

Schon früh am nächsten Morgen brachen sie auf. Sie packten Proviant, vor allen Dingen Wasser, in Daskalos' Rucksack. Johanna war bestens ausgeruht. Zum ersten Mal seit Wochen hatte sie wieder in einem richtigen Bett geschlafen, es war wie im Paradies. Das Frühstück war vorzüglich gewesen. Daskalos war Selbstversorger. Außen am Haus war ein Stall mit ein paar Hühnern und drei Ziegen. Dahinter lag ein Feld mit Hafer, Weizen und Roggen. Im Innenhof wuchsen Apfelsinen, Zitronen und Datteln. Für Johanna und Dagobert gab es Müsli aus frisch gepressten Haferflocken. Es schmeckte zwar etwas streng durch die Ziegenmilch, aber für sie, die wochenlang nur Kokosnuss und Fisch gegessen hatten, war es eine Delikatesse.

Unterwegs erzählte Daskalos mehr über die Gegend. Er lebte hier in Nachbarschaft mit fünf weiteren Freunden, alle waren sie blind. Sie lebten jeweils etwa eine Tagesreise weit voneinander entfernt zu Fuß versteht sich. Sie wollten lernen, wie man sich ohne Telefon, nur mit Hilfe der eigenen Gedanken, miteinander verständigen kann. Bisher waren sie mit ihren Studien noch nicht weit gekommen, aber Daskalos war sich sicher, dass sie es eines Tages schaffen würden. Bis es soweit war, hatten sie Kontakt über einen Händler, der einmal im Monat zu ihnen kam und die Dinge brachte, die sie nicht selbst herstellen konnten.

Leider war Carlos, der Händler, erst letzte Woche da gewesen. Aber mit Kirikaidos' Telefon würden sie schon Hilfe für Johanna holen können. So verstrich die Zeit nur langsam, als sie durch die Hitze wanderten. Es war schon später Nachmittag und sie hatten den Weg fast geschafft, als Daskalos plötzlich stehen blieb. Johanna wollte gerade etwas fragen, aber er legte seinen Zeigefinger auf die Lippen, als Zeichen, dass sie ruhig sein sollte. Sie horchte aufmerksam, aber sie konnte nichts hören. Daskalos stand wie versteinert da. Dann nahm er sie bei der Hand und deutete auf den kleinen Hügel neben der Straße.

„Schnell dort hinauf“, sagte er.

Kaum waren sie ein paar Meter höher hinter einem Gestrüpp angekommen, als eine Reihe Autos in schnellem Tempo über die Straße jagten. In dieser Richtung lag nur Daskalos' Haus. Warum hatten sie es so eilig, dorthin zu kommen? Johanna spürte, wie sich ihre Haare zu Berge stellten. Daskalos nickte.

„Ich glaube auch, dass da etwas nicht stimmt. Hast du die Kälte gespürt, die von den Menschen in den Autos ausging? Ich fürchte, sie kommen von Kirikaidos. Es ist nicht mehr weit. Komm, wir wollen uns beeilen.“

Sie rannten den letzten Kilometer bis zu Kirikaidos’ Haus. Die Tür stand weit offen.

„Kiri!“ rief Daskalos, aber es kam keine Antwort. Sie betraten vorsichtig das Haus. Alle Zimmer war durchwühlt worden. Überall lagen Blätter, Bücher, Kleidung und Essen auf der Erde. Im Wohnzimmer waren Blutspuren von einem Kampf zu sehen.

„Mein Gott“, sagte Daskalos, „hoffentlich haben sie ihm nichts getan“.

Sie gingen weiter durch das Haus. Im Wohnzimmer fanden sie das Telefon. Es war aus der Wand gerissen und auf dem Boden zertrümmert worden. Johanna kamen die Tränen. Da war sie der Rettung schon so nahe, und jetzt das hier. Doch dann riss sie sich wieder zusammen. Sie mussten Daskalos' Freund helfen.

Sie wollten gerade in den Keller gehen, als hinter ihnen eine Tür knarrte. Johanna schloss die Augen. Jetzt war alles aus sie waren entdeckt. Was würden diese Verbrecher mit ihnen machen?

Doch da ertönte auf einmal ein trauriges "Miauuuu". Kirikaidos' Kater Muriel war noch da. Daskalos nahm ihn auf den Arm und streichelte ihn.

„Armer Muriel“, sagte er, „Tiere können Energie noch viel besser spüren als Menschen. Er weiß, dass sein Herrchen in Gefahr ist.“

„Warum kommen solche Leute hier ans Ende der Welt? Was habt ihr so wertvolles?“ fragte Johanna.

Daskalos streichelte noch einen Moment den Kater, dann setzte er ihn ab und begann zu erzählen: „Wir besitzen ein besonderes Schmuckstück, die Pyramide von Ephandrea. Sie ist aus Glas und in ihrem Innern ist ein Goldklumpen. Sie ist viele tausend Jahre alt und stammt aus Ägypten. Man sagt, dass sie ihrem Besitzer besondere Weisheit und großes Glück bringt. Vor ein paar Wochen war ein zwielichtiger Bursche hier, der sich Gregor Granowski nannte. Er wollte die Pyramide kaufen. Er bot sehr viel Geld, aber wir haben abgelehnt. Wenn die Pyramide in die Hände böser Menschen kommt, verliert sie ihre Macht. Wahrscheinlich wollen sie sie jetzt stehlen, aber wir haben sie gut versteckt“

„Wenn sie feststellen, dass du nicht daheim bist, werden sie dich überall suchen und hierher zurückkommen. Wir sollten sehen, dass wir von hier verschwinden.“, sagte Johanna.

„Wir können uns nicht ewig verstecken. Früher oder später werden sie uns finden. Ich glaube es ist besser, wenn wir ihnen entgegengehen.“, meinte Daskalos.

„Entgegengehen?“ Johanna war entsetzt.

„Ja, noch wissen die Gangster nicht, was wir wissen, und wenn wir sie in dem Glauben lassen, dass wir ahnungslos sind, dann werden sie uns gegenüber weniger misstrauisch sein. Und das werden wir ausnutzen. Außerdem haben wir eine Geheimwaffe.“

Johanna schaute ihn fragend an. Hatte Daskalos jetzt einen Sonnenstich? Daskalos lachte. Er beugte sich zu Johanna hinunter und flüsterte ihr etwas ins Ohr. Schließlich musste auch Johanna grinsen und dann machten sie sich so schnell sie konnten auf den Weg zurück zu Daskalos' Haus. Sie waren noch keine zwei Stunden gelaufen, als Daskalos wieder innehielt.

„Schnell die Wiese dort hinauf, und tu so, als ob du etwas suchen würdest!“ rief er Johanna zu.

Wenige Minuten später kam ein Auto die Straße herunter. Als der Fahrer sie sah, hielt er mit quietschenden Reifen an. Aus dem Auto sprangen zwei Männer mit Pistolen, die sie drohend auf die beiden Freunde richteten.

„He ihr zwei, kommt her!“ rief der eine. Gehorsam gingen die beiden auf das Auto zu.

„Bist du nicht Daskalos? Was machst du hier? Und wer ist das da?“

„Ja, ganz recht, ich bin Daskalos. Wir sind auf der Suche nach einer meiner Ziegen. Das hier ist meine Nichte Alina. Das arme Mädchen ist taubstumm“, sagte Daskalos und zeigte auf Johanna.

„Uuähr iss dos?“, fragte Johanna mit schwerer Stimme, die so klang, als könnte sie tatsächlich nicht richtig sprechen. „Ein Blinder und eine Taubstumme, was für ein tolles Paar“, machte sich der eine Mann über sie lustig, „los steigt ein, der Alte will euch sehen!“

Johanna und Daskalos stiegen in das Auto und dann ging es in schneller Fahrt in die Berge. Nach einer halben Stunde Fahrt hielt das Fahrzeug vor einer Höhle an. Aus dem Innern der Höhle drang wütendes Geschrei. Einer der Männer ging in die Höhle und kurz danach verstummte das Geschrei. Gleich darauf erschien ein Mann aus der Höhle, der offensichtlich der Anführer seien musste.

„Ah, da ist ja unser guter Daskalos. Mal sehen, ob wir heute ins Geschäft kommen. Keiner deiner Freund ist verhandlungsbereit, aber du wirst mir sicher entgegenkommen, wenn du deine Freunde lebend wiedersehen willst.“

„Tut mir leid, Herr Granowski, aber ich verkaufe nicht“, entgegnete Daskalos.

„Dann macht es euch ein wenig in der Höhle gemütlich. Ich werde in der Zwischenzeit nachsehen, was meine Freunde in deinem Haus gefunden haben.“, lachte Granowski und gab seinen Wächtern einen Wink. Johanna und Daskalos wurde unsanft in die Höhle gedrängt.

Es war staubig hier. Einer der Wächter musste niesen.

„Gesundheit“, sagte Johanna automatisch, und der Wächter schaute sie grübelnd an. Johanna blieb das Herz stehen. Wie konnte sie nur so blöd sein! Seit wann konnten Taubstumme reden? Jetzt war alles aus!

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