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In der Höhle des Löwen
Zu Johannas Überraschung brummte der Wächter nur ein kurzes „Danke“ er war viel zu beschäftigt, seine Gefangenen zu bewachen, als auf solche Kleinigkeiten zu achten. Nachdem sie wohl fünf Minuten kreuz und quer durch verschiedene Gänge gekrochen waren, kamen sie zu einer etwas größeren Halle tief im Bauch des Berges. Ängstlich schmiegte sich Johanna an Daskalos. Wie sollten sie hier jemals wieder heraus finden, falls man sie überhaupt am Leben lassen würde? Die ganze Höhle war ein riesiges Labyrinth und Johanna konnte sich beim besten Willen nicht daran erinnern, wo sie überall lang gegangen waren. Der Wächter zeigte auf eine Reihe von Pappkartons, die im hinteren Bereich der Halle aufgestellt waren.
„Dorthin und keine falsche Bewegung, sonst...“, er fuchtelte mit seiner Pistole vor ihren Gesichtern hin und her und funkelte drohend mit seinen Augen. Gehorsam gingen die zwei zu den Pappkartons und setzten sich hin. Es war kühl hier im Berg, und so kuschelten sich Johanna eng an Daskalos. Das gab ihr nicht nur Wärme sondern auch Sicherheit.
Der Wächter nahm am Ausgang der Halle auf einem bequemen Stuhl Platz, legte sich eine Decke um und begann in einer Zeitung zu lesen. Von Zeit zu Zeit, oder wenn Daskalos beruhigend auf Johanna einredete, blickte er auf und drohte ihnen mit den Augen. Endlos verstrichen die Minuten und Johanna wurde immer mutloser. Dann plötzlich erhellten sich Daskalos' Gesichtszüge und ein Lächeln machte sich breit. Johanna wollte ihn fragen, was los sei, doch Daskalos hielt ihr sachte den Mund zu und deutete auf den Wächter.
Der Mann las konzentriert in seiner Zeitung und konnte nicht sehen, was sich hinter seinem Rücken abspielte. Wie von Geisterhand getragen, bewegte sich eine Kanne mit Wasser durch die Luft und ergoss sich über den Lesenden. Erschreckt sprang er auf und wollte etwas zu Johanna und Daskalos sagen, aber wie sollten die beiden das angestellt haben, wo sie doch mindestens zehn Meter von ihm entfernt und noch dazu gefesselt waren? Bevor er sich diese Frage beantworten konnte, machte sich auf einmal sein Feuerzeug selbständig und entzündete die Zeitung, die ihm vor Schreck auf die Erde gefallen war. Der Wächter riss den Mund auf, als wollte er ein Schwein verschlucken, aber als das Feuerzeug versuchte, nun auch seine Hosenbeine in Brand zu stecken, wurde es ihn zuviel. Laut schreiend lief er aus der Halle in Richtung Höhlenausgang und überließ die Gefangenen ihrem Schicksal.
Die beiden mussten laut lachen, als sie den Wächter davon laufen sahen. Johanna drückte Dagobert an sich, denn niemand anders war das Gespenst gewesen, das den mutigen Räuber verjagt hatte.
„Oh Dagobert, wie schön dich zu sehen“, rief sie und gab ihm einen Kuss. Dann befreite Dagobert die beiden von ihren Fesseln und Daskalos überlegte, was nun zu tun war. Sie waren zwar nicht mehr bewacht, aber immer noch in der Höhle gefangen.
„Wenn der Wächter schon glaubt, dass hier Gespenster wohnen, die einen grillen wollen, dann lassen wir ihn doch in diesem Glauben“, lachte er. Johanna und Dagobert mussten die Fesseln und eine Reihe Kartons zusammentragen. Dann zündeten sie den ganzen Berg mit dem Feuerzeug des Wächters an.
„Jetzt aber schnell“, sagte Daskalos. „Wenn ich mich recht entsinne, gibt es im hinteren Bereich der Halle eine kleine Nische, in der wir uns verstecken können. Wenn wir Glück haben, finden sie uns dort nicht.“
Johanna sah sich um und nach kurzem Suchen fand sie die beschriebene Stelle. Sie nahm Daskalos bei der Hand und führte ihn in das Versteck. Sie waren noch keine Minute dort, als lautes Geschrei und das Geräusch einer ganzen Horde von Menschen an ihre Ohren drang. Wenig später stand Granowski mit vier seiner Helfer und dem verängstigten Wächter am Eingang der Halle.
„Sie sind weg und du Hammel hast es vermasselt. Wenn ich sie nicht wieder finde, kannst du was erleben“, schrie er den Wächter an.
„Aber..., aber ... der ... der ... Geist“, stammelte der Wächter und deutete in Richtung der brennenden Kartons. Granowski ging zu den langsam verlöschenden Resten und sah sich um.
„So, so, verbrannt also“, sagte er.
„Und wo sind die Knochen und so weiter?“
„Vielleicht hat das Gespenst sie mit Haut und Haar gefressen?“ erwiderte der Wächter kleinlaut und wenig überzeugend. „Papperlapapp“, fuhr ihn Granowski an. „Du hast dich wie ein Idiot an der Nase herum führen lassen. Idiot, Idiot, Idiot!“, schrie er und schlug dem Wächter seinen Hut um die Ohren. „Los, seht euch um. Sie müssen hier irgendwo sein. Es gibt nur einen Ausgang aus dieser Höhle und sie sind uns unterwegs nicht begegnet!“
Johanna merkte, wie Ihr Herz kurz stehen blieb und angstvoll klammerte sie sich an Daskalos. Dieser drückte ihr beruhigend die Hand und lächelte sie an, als wollte er sagen: „hab nur Mut, irgendwie werden wir es schon schaffen“.
Die Räuber suchten nach und nach alle Winkel der Halle ab. Jetzt waren sie nur noch wenige Schritte von ihnen entfernt. In ein paar Sekunden würden sie wohl wieder Gefangene sein.
Johanna blickte nach oben und dachte: „Bitte, lieber Gott, lass uns jetzt nicht im Stich“.
Sie hatte ihr Gebet noch nicht ganz beendet, als plötzlich ein Schuss am anderen Ende der Halle ertönte. Gleich darauf war das heisere Schreien Granowskis zu hören:
„Au, mein Fuß! Mein Fuß!". Er hüpfte auf einem Bein durch die Höhle und wusste nicht, ob er vor Wut oder vor Schmerzen heulen sollte. Neben ihm lag seine rauchende Pistole er hatte sich selbst in den Schuh geschossen, so schien es jedenfalls. Seine Räuber kamen zu ihm gelaufen und vergaßen die Suche. Granowski wollte gerade zu einer Erklärung anheben, als sich seine Pistole wieder erhob und in der Luft schwebend auf die Räuber zielte. Mit schreckensweiten Augen und schreiend stürmten die Verbrecher auf den Ausgang der Halle zu. Jeder wollte der Erste sein, der den Schauplatz des Schreckens verließ und so dauerte es eine volle Minute, bis sich alle durch den engen Ausgang gezwängt hatten. Sie konnten wirklich von Glück reden, dass es das Gespenst nicht wirklich auf sie abgesehen hatte.
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